Kretschmayr, Heinrich (1870-1939), Archivar und Historiker

Kretschmayr Heinrich, Archivar und Historiker. * Bruck a. d. Leitha (N.Ö.), 15. 7. 1870; † Wien, 21. 7. 1939. Sohn eines Notars; besuchte das Stiftsgymn. Seitenstetten, stud. an der Univ. Wien vor allem Geschichte, 1892 Dr.phil., absolv. 1893–95 das Inst. für österr. Geschichtsforschung, 1895 Staatsprüfung. K.s erfolgreiche Laufbahn als wiss. Beamter begann im Allg. Archiv des k. k. Min. des Innern (1896), wo sein Vorgesetzter Th. Fellner ihn nach Erscheinen seines „Reichsvizekanzleramtes” für die umfangreichen Arbeiten an einer grundlegenden Geschichte der österr. Zentralverwaltung dauernd interessierte. Nachdem K. selbst die Dion. des Allg. Archivs des k. k. Min. des Innern übernommen hatte (1904), wurde er ab 1908 in den aus Vertretern von Archiven und der hist. Wiss. beim k. k. Min. des Innern 1894 errichteten Archivrat berufen, wo er unermüdlich für die Grundsätze des Archivschutzes und der Anerkennung seines Berufsstandes tätig war. Seine erfolgreichen Bemühungen um die Durchsetzung des Herkunftsprinzips bei den nach der Auflösung Österr.-Ungarns notwendig gewordenen Verhh. über die Aufteilung des Archivgutes retteten den Hauptbestandteil der Wr. Zentralarchive. Nachdem 1923 das 1920 geschaffene österr. Archivamt aufgelöst worden war, wurden dessen Agenden von der Abt. „Oberste Archivleitung“ übernommen, zu deren Führung der 1920 zum Min.-Rat ernannte Archivdir. K. berufen wurde. In dieser Funktion hat er auf dem Gebiet der Organisierung der Zentralarchive und des Archivalienschutzes wertvolle Arbeit geleistet. Als K. Ende 1925 i. R. trat, wurde auch das von ihm geleitete Referat aus Ersparungsgründen wieder aufgehoben. Nach der Wiedererrichtung des Archivamtes 1928 wurde K. zum Vorsitzenden des dem Archivamt als beratendes Organ zur Seite gestellten Archivbeirates nominiert. K.s Hauptverdienst liegt, neben seiner hervorragenden Tätigkeit als Historiker („Geschichtsschreiber Venedigs”), auf dem Gebiet des Archivalienschutzes und der Bemühung um die Besserstellung der wiss. Archivbeamten. 1898 Priv.Doz. für allg. Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Univ. Wien, hat er auch an der Akad. der bildenden Künste sowie an der Akad. für Musik und darstellende Kunst gewirkt. 1907 tit. ao. Prof., 1925 tit. o. Prof., 1921 korr. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien, 1935–38 mit der Abhaltung einer Pflichtvorlesung über österr. Geschichte betraut. K.s ausgedehnte Tätigkeit für Erwachsenenbildung erstreckte sich auf volkstümliche Universitätskurse, die Wr. „Urania“, das Volksheim und den neuen Rundfunk, er schrieb für die „Wiener Zeitung“ und die „Österreichische Rundschau“. Seine Beitrr. in Z. und Sammelwerken vereinigten umfassende wiss. Kenntnisse und große Gesichtspunkte mit künstler. abgewogener Darstellung.

W.: Ludovico Gritti, in: AfÖG 83, 1897, S. 1 ff.; Das dt. Reichsvicekanzleramt, ebenda, Bd. 84, 1898, S. 381 ff.; Geschichte von Venedig (= Allg. Staatengeschichte, Abt. 1, Werk 35), 3 Bde., 1905–34; Geschichte der österr. Zentralverwaltung, Abt. 1 (= Veröff. der Komm. für Neuere Geschichte Österr., Bd. 5–7), 3 Bde., gem. mit Th. Fellner, 1907, Abt. 2, Bd. 1/1, 2, 3 (= Veröff. der Komm. für Neuere Geschichte Österr., Bd. 32, 18, 29), gem. mit J. Kallbrunner, F. Walter und M. Winkler, 1925–38; Maria Theresia, 1925, Neue Ausgabe, 1938; Geschichte von Österr., 1936, 2. Aufl. 1937; Die Türken vor Wien. Stimmen und Berr. aus dem Jahr 1683 (= Die Kleine Bücherei 220), 1938; etc.
L.: Wr. Ztg. vom 15. 7., Die Presse vom 17. 7. 1955; MIÖG, Bd. 53, 1939, S. 236 ff.; Almanach Wien, 1941; Bittner; Santifaller, n. 163; A. Lhotsky, Geschichte des Inst. für österr. Geschichtsforschung 1854–1954 (= MIÖG, Erg. Bd. 17), 1954, s. Reg.; Kürschner, Gel. Kal., 1935; Kosch, Das kath. Deutschland; Wer ist’s? 1935; P. Herre, Die alte Republik Venedig im Spiegel der jüngsten Geschichtsschreibung, in: Preuß. Jbb., 1934; Mitt. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien.
(Lorenz)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 18, 1968), S. 263f.
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