Krimer, (Johann Franz) Wenzeslaus (1795-1834), Mediziner

Krimer (Johann Franz) Wenzeslaus, Mediziner. * Datschitz (Dačice, Mähren), 12. 9. 1795; † Aachen (Nordrhein-Westfalen), 22. 11. 1834. 1809 trat er als k. k. feldärztlicher Praktikant in ein Feldlazarett ein und nahm am Feldzug teil. 1810 stud. er an der medizin.-chirurg. Josephs-Akad. in Wien und an der Univ. 1811 nahm er an einer Inspektionsreise durch die Seuchengebiete des Balkans und der Türkei teil. 1813 kämpfte er im Freikorps Lützow (Oberjäger), wurde dann aber wegen des großen Ärztemangels als Oberarzt in ein Linienrgt. versetzt. Er nahm an zahlreichen Gefechten und Schlachten teil, wurde im März 1816 aus dem Heeresdienst entlassen und setzte sein Medizinstud. in Halle a. d. Saale fort, 1818 Dr. med. K. wurde Schüler und Hilfsass. bei Chr. Fr. Nasse und veröff. schon als Student seine ersten wiss. Arbeiten. Mit Nasse ging er nach Bonn, wo dieser einen medizin. Lehrstuhl übernommen hatte, und habilit. sich im Dezember 1819 an der neugegründeten Univ. Der Tod seiner ersten Frau, berufliche Anfeindungen und wirtschaftliche Not veranlaßten ihn, seine verheißungsvolle Univ.-Laufbahn abzubrechen. Er ließ sich Ende 1822 in Aachen als prakt. Arzt und Operateur nieder und arbeitete hier erfolgreich besonders als Chirurg, daneben war er ein außerordentlich fruchtbarer medizin. Autor. Sein medizin. Werdegang wurde geprägt durch seine Wr. Lehrer Scherer und Isfordink (s. d.), durch die kriegschirurg. Erfahrungen während der napoleon. Feldzüge und durch die Begegnung mit den franz. Medizinern Magendie, Pinel, Alibert u. a. 1814–16 in Paris, besonders aber durch Nasse. Seine ersten wiss. Arbeiten galten der Physiologie, seine Forschungsmethodik gründete sich auf Experiment, Analyse und Beobachtung. Noch vor Th. Schwann konstruierte er ein Instrument zur quantitativen Messung der Muskelkontraktionen. Die von der „romantischen Medizin“ vertretene spekulativ-deduktive Richtung lehnte K. ab. In seinen zahlreichen Arbeiten befaßte er sich mit fast allen Gebieten der damals noch einheitlichen Heilkde. Als einer der ersten ging er Lungenabszesse an, operierte Gaumenspalten, wagte Herzpunktionen bei Scheintoten und nahm sogar Beinamputationen im Hüftgelenk vor. Er war auch ein begabter Musiker und Zeichner, der seine Arbeiten selbst illustrierte. K.s Memoiren, die ihn als einen bedeutenden Vertreter des frühen Realismus im 19. Jh. zeigen, sind ein wertvolles Zeitdokument.

W.: Diss. inaug. de vi musculorum in partibus a reliquo corpore sejunctis, 1818; Physiolog. Untersuchungen, 1820; Versuch einer Physiol. des Blutes, Tl. 1, 1823; Anleitung zu einer zweckmäßigen und sichern Hülfeleistung bei Vergiftungen, 1824; Über die radicale Heilung der Harnröhrenverengungen, 1828, 2. Aufl. 1835; etc. zahlreiche Abhh. in Fachz.
L.: Erinnerungen eines alten Lützower Jägers, 2 Bde., 1913; Hufelands Journal der pract. Arzneykunde 86, 1838, VI, S. 35 ff.; Jiskra (Iglau) vom 23. 11. 1956; E. Schmitz-Cliever, Der Bonner Priv.Doz. W. K. Zur Frühgeschichte der naturwiss. Med. des 19. Jh. (Academica Bonnensia, Bd. 2), mit Werksverzeichnis, 1966; ders., Frühe Kritik am Mesmerismus im Werk W. K.S, in: Berliner Med. 16, 1965, S. 556–59; Hirsch; ADB; Kosch, Das kath. Deutschland; E. Alker, Die dt. Literatur im 19. Jh., 1962, S. 262.
(Schmitz-Cliever)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 18, 1968), S. 274
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