Kronawetter, Ferdinand (1838-1913), Politiker und Magistratsbeamter

Kronawetter Ferdinand, Magistratsbeamter und Politiker. * Wien, 26. 2. 1838; † Pottschach (N.Ö.), 30. 1. 1913. Sohn eines Schlossermeisters; stud. an der Univ. Wien Jus, 1862 Dr. jur.; 1860 Konzeptspraktikant beim Wr. Magistrat. Gründete 1873 in Wien-Josefstadt einen demokrat. Ver. und wurde hier in den Reichsrat gewählt, wo er sich der demokrat. Fraktion anschloß. Er war Gegner des Liberalismus und gehörte zunächst einer jener Gruppen an, aus denen sich später die christlich-soziale Bewegung entwickelte. Er kam jedoch in Gegensatz zu Lueger und wandte sich deshalb, gesinnungsmäßig an der Revolution 1848 festhaltend, wieder von der christlichen Seite ab. 1879 erfolgte mit großer Majorität seine Wiederwahl, 1882 legte er sein Mandat aus moral. Gründen zurück und unterlag bei der Wahl am 9. 11. 1882. 1885 zog er wieder in den Reichsrat ein. Er brachte der Arbeiterbewegung Sympathien entgegen und war ab 1885 zusammen mit Pernerstorfer der Fürsprecher der Arbeiterschaft im Abgeordnetenhaus, wobei er auch die Beschwerden der sozialdemokrat. Partei vorbrachte, ohne derselben formal anzugehören. Als Abg. führte er einen steten Kampf für die Reinheit des polit. Lebens, forderte bereits 1879 – wenn auch erfolglos – das allg. Wahlrecht (1880 unterstützte er einen Initiativantrag Schönerers), um die Vorherrschaft der liberalen Klassenpartei zu brechen. K., „das Gewissen des Abgeordnetenhauses“, wandte sich gegen Korruption (1898 erhob er Anklage gegen Badeni [s.d.] wegen Verschleuderung von Staatsgeldern) und jede Art von Privilegien; er trat für das Selbstbestimmungsrecht ein (1879 Gegner des Berliner Vertrages) und suchte, dem Volk seine verfassungsmäßig verbürgten Grundrechte zu sichern. Als Antiklerikaler vertrat er eine Trennung von Kirche und Staat; Antisemitismus lehnte er entschieden ab. Von Lueger gelöst, unterlag er 1891 dem Kandidaten der „Vereinigten Christen“, Alois Prinz Liechtenstein; 1892 wurde er bei einer Nachwahl in der Inneren Stadt mit liberaler Unterstützung wiedergewählt und schloß sich 1897 der kleinen Gruppe der „Sozialpolitiker“ an. 1901 verzichtete er auf eine weitere Kandidatur. 1896–1902 war K. auch Abg. des niederösterr. Landtages. Polit. ein Einzelgänger, trat er mit Mut und großer Beredsamkeit für seine Überzeugung ein. Als Magistratsbeamter erwarb er sich Verdienste als Grundeinlösungskoär. beim Bau der Ersten Hochquellenwasserleitung, bei der Erwerbung der Zentralfriedhofsgründe und bei der Reform der Gemeindesteuern. Im Kampf gegen die private Tramwayges. schuf er durch eine Verwaltungsgerichtshofbeschwerde die Rechtsgrundlage für die spätere Kommunalisierung der Straßenbahn. 1898 i.R.

W.: Die Arbeiterbewegung in Wien (vom Jahre 1866 bis Mitte 1868), in: Wr. Kommunalkalender 7, 1869, S. 215–48; Sätze aus allen Zweigen der Rechts- und Staatswiss., welche, behufs der Erlangung der jurid. Doktorwürde F. K. . . . öffentlich zu verteidigen bereit ist, 1862; Die Märztage 1848. Gedenkrede, gehalten am 12. 3. 1885 im Demokrat. Ver. des 9. Bezirks (o. J.); Die Arbeiter und das Parlament, S. A. aus: Gleichheit (Wr. Neustadt), 1875; Reine Hände, Reden der Abg. Zschock, K. und Walterskirchen, hrsg. von der Sozialdemokrat. Partei Wiens, 1880.
L.: R. P. und N. Fr. Pr. vom 1. 2. 1913; G. Sakrawa, F. K., ein Wr. Demokrat, Diss. Wien, 1947; „Hofrat“ K. Ein Beitr. zur polit. Geschichte Österr., hrsg. von R. v. Armingen, 1882; Biograph. Jb., 1917; Reichsrats-Almanach für die Session 1885–86, hrsg. von S. Hahn, 1885.
(Czeike)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 19, 1968), S. 290f.
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