Krupp, Hermann (1814-1879), Industrieller

Krupp Hermann, Industrieller. * Essen (Nordrhein-Westfalen), 15. 1. 1814; † Berndorf (N.Ö.), 25. 7. 1879. Sohn des Begründers der Essener Gußstahlfabrik Friedrich K., Bruder des „Kanonenkönigs“ Alfred K., Vater des Vorigen. Mußte nach dem frühen Tod seines Vaters (1826) in dem hart um die Existenz ringenden Betrieb mitarbeiten und genoß daher dann nur mehr ungeregelten Schulunterricht. Auf Drängen eines Onkels absolv. er jedoch eine kaufmänn. Lehrausbildung in einer Fa. in Solingen und trat 1831 endgültig in die Essener Gußstahlfabrik ein. Er widmete sich den Werkstätten, machte aber auch erfolgreiche Geschäftsreisen und leitete bei Abwesenheit seines Bruders Alfred – anfangs allein, später gem. mit seinem jüngeren Bruder Friedrich – das Gußstahlwerk. Alfred K. schloß 1843 mit dem österr. Industriellen A. Schoeller einen Vertrag über die Errichtung eines Besteckwerkes in Österr., laut welchem der Fa. Krupp die techn. Leitung desselben zufiel. Das Werk wurde bei Berndorf im Triestingtal errichtet und sollte der Auswertung der im K.schen Werk entwickelten Löffelwalze dienen, die es ermöglichte, versilberte Tafelbestecke maschinell und damit preiswerter herzustellen. An ihrer Entwicklung hatten wohl alle drei Brüder Anteil. Zum techn. Leiter des Werkes wurde K. bestimmt, da er in Frankreich Halphen und dessen Erfindung des galvan. Versilberns kennengelernt hatte. Er kam 1844 nach Berndorf und blieb in der Folge dauernd in Österr. 1849 übernahm er selbst die Anteile der Essener Fa. am Werk und schied dafür seinerseits aus der Gußstahlfabrik aus. Die Berndorfer Metallwerke überwanden die Anfangsschwierigkeiten, führten als erste Fabrik die galvan. Versilberung ein und konnten mit ihren Erzeugnissen, die sie unter dem später auch von anderen Werken übernommenen Namen Alpaccasilber auf den Markt brachten, auf verschiedenen Ausst. ihren Weltruf begründen. Die Fa. und ihr Erzeugungsprogramm wurden laufend weiter ausgebaut, so begann man 1848 mit der Herstellung von Säbeln sowie anderen Waffen, errichtete 1856 in Wien eine Werkstätte zur Erzeugung von Tafelgeräten und produzierte ab 1877 Bestecke aus Zinn mit Stahleinlage (Zinnstahl). Als im Gefolge der Revolution von 1848/49 ein Mangel an Scheidemünzen auftrat, ging die Fa. von der anfänglichen Verwendung von Papierscheinen zur Ausgabe von Zahlmarken über, die verschiedene Staaten anregten, ähnliche Münzplättchen mit einer Prägung versehen als Scheidemünze auszugeben, und die Berndorfer Werke lieferten 1869–97 an 9 Staaten derartige Plättchen. K., ein glänzender Techniker, der seinen Bruder Alfred zur Herstellung von Kanonenrohren aus Stahl angeregt hatte, beteiligte sich 1866 auch am 1. Bessemer-Stahlwerk Österr. in Ternitz und konnte in den sechziger Jahren dem Essener Werk große Stimmen zur Verfügung stellen. In vorbildlicher Weise für das Wohl seiner Arbeiter eintretend, errichtete er u. a. 1847 eine Arbeiterkrankenkasse, bestellte später einen Fabriksarzt, schuf 1866 eine Unfallversicherung sowie einen Alters-, Witwen- und Waisenunterstützungsfonds und bezahlte ab 1851 einen Privatlehrer für die Arbeiterkinder, erhielt jedoch nach vielen Schwierigkeiten seitens der Behörden 1854 die Bewilligung zur Errichtung einer Fabriksschule, der er 1872 eine Industrieschule anschloß, die beide zur Gänze von der Fabrik unterhalten wurden, bis es ihm 1877 gelang, für das 1878 eröff. und der Gemeinde zur Verfügung gestellte Schulhaus das Öffentlichkeitsrecht zu erwirken. Er regte auch den Bau der Straße Berndorf-Grossau-Vöslau (1861) sowie die Einrichtung einer Poststation in Berndorf (1878) an und baute einen Bahnanschluß zur Linie Leobersdorf-St. Pölten. 1878 widmete er dem Ort Berndorf den Grund für einen Friedhof, auf dem er im folgenden Jahr als erster bestattet wurde.

L.: N. Fr. Pr. vom 30. 7. 1879; W. Berdrow, A. K., 2 Bde., 1927, s. Reg.; W. Berdrow, A. K. und sein Geschlecht, 2. Aufl. 1943, S. 38, 45, 52 f., 54 und 310 ff.; E. Schröder, Krupp. Geschichte einer Unternehmerfamilie ( = Persönlichkeit und Geschichte 5), 1957, S. 51, 55 f., 59, 66; H. Benedikt, A. v. Schöller 1805–86, 1958, s. Reg.; J. Mentschl, Österr. Wirtschaftspioniere, 1959, S. 112 f.; N. Mühlen, Die Krupps, 1960, s. Reg.; J. Mentschl–G. Otruba, Österr. Industrielle und Bankiers (= Österr.-Reihe, Bd. 279/281), 1965, S. 97 f., 170; Großind. Österr., Bd. 2, S. 368 ff.; ADB.
(Hillbrand)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 19, 1968), S. 304f.
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