Kuh, Anton; Ps. Frater Antonius, Antoine de Lavache, Yorick (1890–1941), Publizist und Schriftsteller

Kuh Anton, Ps. Frater Antonius, Antoine de Lavache, Yorick, Publizist und Schriftsteller. Geb. Wien, 12. 7. 1890; gest. New York (NY, USA), 18. 1. 1941; mos. Sohn des aus Prag stammenden Redakteurs des „Neuen Wiener Tagblatts“ Emil Kuh (geb. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 22. 2. 1856; gest. Wien, 26. 5. 1912) und von Auguste Kuh, geb. Perlsee (geb. Prag, 22. 1. 1855; gest. Berlin, Deutsches Reich / D, 29. 12. 1934), fünf Geschwister; 1939 Heirat mit Thea Thausig, geb. Sahavi (geb. 12. 1. 1911; gest. 2. 6. 1992). – K. wuchs in Wien auf und maturierte nach häufigem Schulwechsel 1911 als Externer am Staats-Gymnasium in Krumau (Český Krumlov). Bereits ab 1908 publizierte er im „Montagsblatt aus Böhmen“; sein erster unterzeichneter Beitrag im „Prager Tagblatt“, für das K. bis August 1937 schrieb, erschien im August 1909. 1915 diente er drei Monate bei einem Infanterie-Ersatzbataillon in Wien, wurde jedoch als waffenuntauglich entlassen. Als streitbarer Intellektueller glossierte er ab März 1917 wöchentlich die laufenden Ereignisse in der liberalen Wiener Montagszeitung „Der Morgen“. Seinem Selbstverständnis nach „Linksler, Exzedent, Schmutzfink der Aufrichtigkeit“, pflegte er einen antibürgerlichen Lebensstil. 1917 debütierte K. als Stegreif-Vortragender über →Gustav Meyrinks „Der Golem“ in Prag und machte in der Folge als improvisierender Redner Furore. Bereits Ende 1918 warnte er vor der Bedrohung des neuen, noch instabilen republikanischen Systems durch reaktionäre Tendenzen in Justiz und Verwaltung, durch Militarismus und völkisch-nationalistische Umtriebe. Von der Nazi-Presse als „Kulturbolschewist“ angefeindet, wurden seine Vorträge wiederholt von Hakenkreuzlern gestört. 1921 veröffentlichte K. seine viel diskutierte Streitschrift „Juden und Deutsche“ mit ihrer rabiaten Absage an assimilatorische wie zionistische Bestrebungen. 1923–26 zählte er zu den Mitarbeitern der neugegründeten Wiener Tageszeitung „Die Stunde“. Die bis 1918 zurückdatierenden Sticheleien und Polemiken gegen →Karl Kraus kulminierten im Oktober 1925 im tumultuösen Stegreifvortrag „Der Affe Zarathustras (Karl Kraus)“ im Wiener Konzerthaus. Im Sommer 1926 übersiedelte K. nach Berlin und publizierte bis Anfang 1933 im „Berliner Tageblatt“, in der „Vossischen Zeitung“, in der „B. Z. am Mittag“, im „Querschnitt“, in der „Süddeutschen Sonntagspost“ und in diversen Magazinen sowie ab 1928 regelmäßig bis März 1938 in der „Weltbühne“ (ab 1933 „Die neue Weltbühne“). Zusätzlich entstanden sechs Filmdrehbücher. Neben Auftritten im Rundfunk spielte K. 1926–27 den Kritiker Gunn in George Bernard Shaws „Fannys erstes Stück“ im Theater in der Josefstadt in Wien. Ende Mai 1931 fand an der Berliner Volksbühne die Premiere von „Lumpacivagabundus“, seiner politisierten, freien Bearbeitung von Nestroys Zauberposse, statt. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in Wien lebte K. von April 1933 bis Ende 1936 in Paris und London, kam jedoch häufig zu Besuch nach Wien, u. a. im September 1936 zur Privatvorführung des Films „Räubersymphonie“ (Regie: Friedrich Fehér), zu dem K. das Drehbuch gemeinsam mit Fehér verfasst hatte, und verzeichnete eine rege Vortragstätigkeit in Prag, in der tschechoslowakischen Provinz und Wien. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 emigrierte K. nach New York, wo er unter dem Pseudonym „Yorick“ regelmäßig Beiträge für die jüdisch-deutsche Zeitschrift „Aufbau“ schrieb und Ende 1940 vehemente Plädoyers gegen Assimilation in „The Jewish Frontier“ veröffentlichte. Im Deutschen Reich wurden Ende 1938 K.s sämtliche Schriften auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt.

Weitere W. (s. auch Deutschsprachige Exilliteratur, 1994): Von Goethe abwärts. Essays in Aussprüchen, 1922; Physiognomik, 1931; Der unsterbliche Österreicher, 1931; Luftlinien. Feuilletons, Essays und Publizistik, ed. R. Greuner, 1981; Zeitgeist im Literatur-Café. Feuilletons, Essays und Publizistik – Neue Sammlung, ed. U. Lehner, 2. verbesserte Aufl., 1985; Sekundentriumph und Katzenjammer, ed. T. Krischke, 1994; Juden und Deutsche, eingeleitet und ed. A. B. Kilcher, 2003; Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin, ed. W. Schübler, 2012; rund 1.700 Beitrr. in Der Morgen, Die Stunde, Die Bühne, etc. – Ed.: Börne der Zeitgenosse, 1922. – Teilnachlass: Österreichisches Literaturarchiv, Wien.
N.: F. Werfel, in: Aufbau, 31. 1. 1941.
L.: F. Blei, Der Stegreifredner, in: Prager Tagblatt, 12. 1. 1929; Bolbecher–Kaiser; Hall–Renner; Hdb. der Emigration 2; NDB; M. Brod, Der Nietzsche-Liberale, in: Jüdische Rundschau 26, 1921, Nr. 23/24, S. 163f.; R. Greuner, in: A. K., Luftlinien, ed. dies., 1981, S. 499–525; E. Nürnberger, A. K.: ein österreichischer, jüdischer Journalist und seine politische Berichterstattung in der Zwischenkriegszeit und im Exil, phil. Diss. Wien, 1989; Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, 4/2, ed. J. M. Spalek u. a., 1994, S. 1019–1049 (m. W.); O. Bentz, ebd. 3/3, 2002, S. 95–113; Lexikon deutsch-jüdischer Autoren 14, 2006 (m. L.); W. Schübler, A. K. Bio-bibliografische Grundlagensicherung ( http://www.kakanien.ac.at/mat/WSchuebler1.pdf, Zugriff 13. 11. 2012).
(W. Schübler)  
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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