Lask, Emil (1875-1915), Philosoph

Lask Emil, Philosoph. * Wadowice (Galizien), 25. 9. 1875; † Turza-Mała (Galizien), 26. 5. 1915 (gefallen). 1886 übersiedelte seine Familie nach Falkenberg, Mark Brandenburg. L. stud. ab 1894 Phil. in Freiburg (1901 Dr.phil.), wo er sich gleich an H. Rickert anschloß, dann in Straßburg bei W. Windelband. L. verstand seine eigenen Untersuchungen stets als ein Fortführen der Gedanken seiner beiden Lehrer, der Häupter der Südwestdt. „wertphilosophischen“ Schule des Neukantianismus. In seiner „Rechtsphilosophie“, mit der er sich 1904 bei Windelband in Heidelberg habil. (1910 ao., 1913 etatmäßiger ao. Prof. an der Univ. Heidelberg), wendete er als erster in eigenständiger Weise die kulturwiss. Methode des wertbeziehenden Denkens der Südwestdt. Schule auf das Recht an. Seine Abh. hatte starken Einfluß auf den Rechtsphilosophen G. Radbruch. In der Erkenntnistheorie kam er zu einer Überwindung der Wertphil., deren Terminol. er indessen auch hier immer beibehielt. Grundlegend sind „Die Logik der Philosophie und die Kategorienlehre“ und „Die Lehre vom Urteil“, neben der „Rechtsphilosophie“ seine beiden weiteren Hauptschriften. L. geht davon aus, daß der Gegenstand selber nur durch solche Formen erkennbar sei, die das „logisch nackte“ Material der Gegenstände aus der „logischen Urform“, dem „bloßen Klarheitsmoment“ zwischen Subjekt und Material, ausdifferenziere. Das dadurch entstehende Reich der transcendentallog. Formen oder Geltungen habe gar nichts zu tun mit den künstlichen Gebilden der formalen Logik, die lediglich ein Hilfsmittel des Subjekts seien, den Gegenstand zu erkennen. Während zur formalen Logik die gegensätzlichen Gebilde Bejahung/Verneinung sowie die subjektiven „wahrheitsgemäßen“ und „wahrheitswidrigen“ Verbindungen der Elemente des Gegenstandes, die ebenfalls gegensätzlichen „primären Objekte“ gehörten, sei der Gegenstand selber über diesen Bereich erhaben, „übergegensätzlich“. Mit seinem spekulativen Verstehen von materialdifferenzierter „umklärender“ Form und „umklärter“ Materie lehnt L. Kants und Windelbands Kategorienlehre ab. Da die reinen Kategorien bei beiden, wenn auch jeweils auf andere Weise ihren Ursprung im reinen Denken hätten, d. h. dem Material gegenüber „autonom“ seien, könnten sie das Eigentliche des Gegenstandes gar nicht fassen. In dieser Kritik zeigt sich L.s radikaler Empirismus. Die Lehre von der Materialdifferenzierung führte ihn aber auch zur Ablehnung von Rickerts Erkenntnistheorie, obwohl er gerade sie lediglich ausbauen wollte. L. gab in der Erkenntnistheorie den Grundgedanken der Wertphil. auf. Die Wirkung von Husserls (s. d.) „Logischen Untersuchungen“ auf ihn ist hier unverkennbar.

W.: Fichtes Idealismus und die Geschichte, 1902; Rechtsphil., 1905, engl. in: 20th Century Legal Philosophy Series, Bd. 4, 1950; Hegel in seinem Verhältnis zur Weltanschauung der Aufklärung, 1905; Gibt es einen „Primat der prakt. Vernunft“ in der Logik? Vertrag auf dem 3. Internationalen Kongress für Phil. in Heidelberg, 1908; Die Logik der Phil. und die Kategorienlehre, 1910; Die Lehre vom Urteil, 1911; etc. Ges. Schriften, 3 Bde., hrsg. von E. Herrigel, 1923–24; Briefwechsel, Heidelberg, Univ.- Bibl.
L.: Voss. Ztg. vom 3. 11. 1915; Archiv für Phil., Abt. 2, Bd. 17, 1912, S. 344–57; Kantstud., Bd. 22, 1918, S. 349–70, Logos 10, 1921/22, S. 227–43, 12, 1923/24, S. 100–22; Z. für phil. Forschung, Bd. 21, H. 1, 1967, S. 136–45; H. Rickert, Geleitwort, in: E. L., Ges. Schriften, hrsg. von E. Herrigel, Bd. 1, 1923, S. V-XVI; G. Pick, Die Übergegensätzlichkeit der Werte. Gedanken über das religiöse Moment in E. L.s log. Schriften . . . , phil. Diss., Heidelberg, 1921; A. Diwo, Das Problem einer Logik der Phil. im Anschluß an den Versuch von E. L. dargestellt und gewürdigt, phil. Diss., Heidelberg, 1923; I. Dal, L.s Kategorienlehre im Verhältnis zu Kants Phil., phil. Diss. Hamburg, 1926; J. Siegers, Das Recht bei E. L., in: Schriften zur Rechtslehre und Politik, Bd. 40, 1964; H. P. Sommerhäuser, E. L. in der Auseinandersetzung mit H. Rickert, phil. Diss., Zürich, 1965; G. Gurvitch, Les Tendances Actuelles de la Phil. Allemande. E. Husserl–M. Scheler–E. L.–M. Heidegger, 1930, bes. S. 153–86; Eisler; Ziegenfuß; Hero. Gestalten jüd. Stammes, 1936; Biograph. Jb., 1925; Wininger; Enc. Jud.; Jew. Enc.; Jüd. Lex.; R. Kroner, Referat über „Die Lehre vom Urteil“, in: Dt. Literaturztg., 1913, Sp. 2005–07; O. Külpe, Zur Kategorienlehre, in: Sbb. der kgl. Bayer. Akad. der Wiss., phil.-philolog. und hist. Kl, 1915, Abh. 5, bes. S. 21–26; M. Heidegger, Sein und Zeit, 7. Aufl., 1927, bes. S. 218; H. Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 6. Aufl., 1928; U. A. Heidelberg.
(Hobe)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 21, 1970), S. 32f.
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