Lemayer, Karl Frh. von (1841-1906), Verwaltungsjurist

Lemayer Karl Frh. von, Verwaltungsjurist. * Boskowitz (Boskovice, Mähren), 13. 5. 1841; † Baden (N.Ö.), 13. 5. 1906. Nach Absolv. der jurid. Stud. an der Univ. Wien (1864 Dr.jur.) trat er 1864 in den Staatsdienst, zunächst als Konzipist bei der Finanzprokuratur in Brünn seit 1867 in Wien. 1869 wurde er in das von L. v. Hasner (s. d.) geleitete Unterrichtsmin. berufen, wo er rasch zum Ministerialrat und ersten Referenten emporstieg, dem die Vorträge über die wichtigsten Entscheidungen zugewiesen wurden. Er hatte den Hauptanteil an der Abfassung der kirchenpolit. Gesetze, die mit der Aufhebung des Konkordates im Zusammenhang standen und wirkte auch bei der Errichtung der Univ. in Czernowitz mit. In Gemeinschaft mit Min. Unger verfaßte er das Gesetz über die Errichtung des Verwaltungsgerichtshofes, das er abwechselnd mit dem Min. auch im Parlament vertrat. 1876 Sektionschef. 1881 wurde er als Hofrat in den Verwaltungsgerichtshof berufen und 1888 zum Senatspräs., 1894 zum Zweiten Präs. dieses Gerichtshofes ernannt. Ab 1895 war er Mitgl. des Herrenhauses, wo er sich der Verfassungspartei anschloß. Die Frage der individuellen Freiheit im modernen Staat bildete das Zentralproblem seines Denkens; ihr war seine Arbeit als Verwaltungsjurist und Verwaltungsrichter vornehmlich gewidmet, ihr dienten seine rechtsphilosoph. Stud. wie auch seine Lehre vom Rechtsschutz und von der Verwaltungsgerichtsbarkeit, an deren Ausgestaltung er hervorragenden Anteil hatte. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1881 Dr.phil.h.c. der Univ. Czernowitz, 1879 Frh.

W.: Die Verwaltung der österr. Hochschulen von 1868–77, 1878; Apologet. Stud. zur Verwaltungsgerichtsbarkeit, in: Z. für das Privat- und öff. Recht der Gegenwart, Bd. 22, 1895 (= Allg. Juristen-Ztg. 18, 1895, S. 301 ff., 313 ff., 327 ff., 336 ff.); Der Kompetenzkonflikt, in: Österr. Staatswörterbuch, Π/1, 1896, 368 ff.; Reichsgericht, ebenda, II/II, 1897, S. 882 ff.; Staatsgerichtshof, ebenda, S. 910 ff.; Verwaltungsgerichtsbarkeit und Verwaltungsgerichtshof, ebenda, S. 888 ff.; Der Begriff des Rechtsschutzes im öff. Rechte, im Zusammenhang der Wandlungen der Staatsauffassung betrachtet. Festschrift aus Anlaß der Feier des 25jährigen Bestandes des österr. Verwaltungsgerichtshofes, 1902; Unterwegs (Gedichtsmlg.), anonym, 1904, 2. Aufl. aus dem Nachlaß hrsg. von K. v. Foregger, 1907; etc.
L.: Die Zeit vom 8. 5. 1904; N. Fr. Pr. vom 10. 5. 1904, 14. und 15. 5. 1906, 1. 12. 1907; Wr. Ztg. vom 15. und 17. 5. 1906; Allg. österr. Gerichtsztg., Jg. 57, 1906, S. 153 f.; Jurist. Bll., Jg. 35, 1906, S. 232 f.; Österr. Rundschau, Bd. 7, 1906, S. 199 ff.; Österr. Verw.-Archiv, Jg. 5, 1907, S. 33 ff.; Biograph. Jb. 1908; W. Kosch, Biograph. Staatshdb., Bd. 2, 1963; Kosch, Das kath. Deutschland; M. Burckhard, K. Frh. v. L., Aufsatzsmlg. „Quer durch Juristerei und Leben“, 1905, S. 360 ff.; Verw.-A., Wien.
(Schimetschek)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 22, 1970), S. 123
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