Lemmermayer, Fritz (1857-1932), Schriftsteller und Journalist

Lemmermayer Fritz, Schriftsteller und Journalist. * Wien, 26. 3. 1857; † Wien, 11. 9. 1932. Nach kurzem techn. und handelswiss. Stud. stud. er ab 1876 Literatur, Geschichte und Phil. an der Univ. Wien. Schon als Hochschüler war er bei mehreren Ztg. journalist. tätig. L. stand Fercher v. Steinwand (s. Kleinfercher) und Kamerling (s. Hammerling) nahe, er war ein Verehrer Hebbels (s. d.) und R. Wagners, in dessen Haus er verkehrte. 1887 wirkte er in Genua an der Smlg. und Hrsg. der Hebbel-Briefe mit. Persönlich befreundet war er u. a. mit R. v. Kralik (s. d.), der ihn als Mitarbeiter für seinen Kreis gewann. L. anfängliches Bekenntnis zum Pessimismus Schopenhauers wurde abgelöst durch seinen Glauben an die heilbringenden Kräfte der Liebe sowie der Schaffung und Pflege geistiger Werte; diese Zielsetzung des leidenschaftlichen Antimaterialisten L. begründete seine Zugehörigkeit zur anthroposoph. Ges. Für R. Steiner bewirkte er dessen Beziehungen zum Kreis der „Iduna“, der L. angehörte und die er leitete. Mehr als durch seine Bücher errang L. als Mitarbeiter der „Wiener Literatur-Zeitung“ durch seine Kritiken und Essays Ansehen. Die von ihm geschaffene Anthol. enthält vorwiegend Dichtung aus Österr., dessen reicher, wenn auch vielfach ungefördert gebliebener literar. Schaffenskraft L. im gesamtdt. Kulturbereich den ersten Rang zuwies. L.s eigene frühe Lyrik und ein Teil seiner Prosaschriften tragen epigonenhafte Züge. Diese Feststellung ist nicht zu trennen von der Tatsache seiner hervorragenden Einfühlung in Wesen und Werk anderer. L.s Verdienste als Biograph wurden von Berufenen anerkannt. Die Gedichte seiner Spätzeit sind den Schöpfungen der großen österr. Lyriker des 19. Jh., wie etwa N. Lenaus, als ebenbürtig anzureihen.

W.: Der Alchimist (Roman), 1884; Im Labyrinth des Lebens (Gedichte), 1892; Simson und Delila (Tragödie), 1893; Belladonna (Roman), 1895; Haschisch (Oriental. Erzählungen), 1898; Das öde Haus. Armut und Übermut (2 Erzählungen), 1900; Novellen und Novelletten, 1903, 2. Aufl. 1909; Leiden eines dt. Fst. Herzog Elmar v. Oldenburg (Biograph. Skizze), 1905; Gedichte, 1928; Erinnerungen, 1929; etc. Hrsg.: Die dt. Lyrik der Gegenwart (Anthol.), 1884; Neue Hebbel-Dokumente, gem. mit D. v. Kralik, 1913; etc. Bearb.; Übers.; Beitrr. in Z. und Ztg.
L.: R. P. und Wr. Ztg. vom 16. 9. 1932; Brümmer; M. Geißler, Führer durch die dt. Literatur des 20. Jh., 1913; Giebisch–Gugitz; Giebisch–Pichler–Vancsa; H. Kindermann, Wegweiser durch die moderne Literatur Österr., 1947; Kosch; Kürschner, 1879 ff.; Maderno; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 3, 4, s. Reg.
(Hanus)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 22, 1970), S. 124
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