Leopold (II.), Erzhg. von Österr., Großhg. von Toskana (1797-1870)

Leopold II., Erzherzog von Österreich, Großherzog von Toskana. * Florenz, 3. 10. 1797; † Rom, 29. 1. 1870. Sohn des Großherzogs Ferdinand III. (s. d.) und der Prinzessin Beider Sizilien, Ludovika Amalia. Verbrachte seine Kindheit in Wien, Salzburg und Würzburg. Nach der Besetzung der Toskana durch die französ. Truppen 1799 flüchtete die großherzogliche Familie nach Wien. Nach der 1801 erfolgten Proklamation des Königreichs Etrurien war der ehemalige Großherzog Ferdinand III. zunächst mit dem zum Kurfürstentum erhobenen Gebiet des Fürsterzbistums Salzburg und nach dem Frieden von Preßburg (1805) mit Würzburg entschädigt worden. Nach der Restauration von 1814 kehrte die großherzogliche Familie wieder nach Florenz zurück. L. übernahm nach dem Tode seines Vaters am 18. Juni 1824 die Regierung. Die polit. Umwälzungen der Julirevolution von 1830, die in verschiedenen Teilen Italiens zu revolutionären Unruhen führten, berührten die Toskana, dank der liberalen und einsichtigen Haltung des Großherzogs kaum. Durch eine fortschrittliche, aufgeschlossene und konzessionsbereite Staatsverwaltung hoffte L. auch den Sturm des Jahres 1848 überstehen zu können. Er gewährte eine Verfassung, gestand Wahlen zu, stellte ein Truppenkontingent auf der Seite Piemonts gegen Österr. ins Feld. Vor der zunehmenden Radikalisierung flüchtete dann aber auch er am 7. 2. 1849 außer Landes und begab sich zu Papst Pius IX. nach Gaeta, von wo aus er die österr. Truppen um Intervention ersuchte. Nachdem die Truppen Radetzkys die Toskana besetzt hatten, kehrte L. am 28. 7. 1849 in sein Land zurück. 1855 zogen die österr. Besatzungstruppen endgültig ab. Der vom Großherzog erstrebte Interessenausgleich mit den nationalen für die Einigung Italiens kämpfenden Gruppen gelang ihm allerdings nicht, und als Piemont 1859 zum Befreiungskrieg gegen Österr. antrat, wurde auch die Toskana sehr bald in die allg. Volksbewegung hineingerissen. Die an ihn von Piemont ergangene Aufforderung, sich dem Krieg gegen Österr. anzuschließen, ließ L. unbeantwortet (24. 4. 1859). Drei Tage später brach auch in der Toskana der Aufstand aus, der durch die Besonnenheit des Großherzogs in erträglichen Grenzen blieb. Die großherzogliche Familie zog sich wieder nach Österr. zurück und L. dankte am 21. 7. zugunsten seines Sohnes Ferdinand IV. förmlich ab in der Hoffnung, damit den durch die Friedenspräliminarien von Villafranca keineswegs präjudizierten Souveränitätsanspruch seines Hauses zu festigen. Er selbst zog sich von der Politik völlig zurück und lebte auf den böhm. Besitzungen des Hauses, meistens in dem Städtchen Schlackenwerth, dessen Einwohner ihn zum Bürgermeister wählten, eine Ehrung, die er, typ. für die bei den toskan. Habsburgern übliche Leutseligkeit, annahm. Zu den bedeutendsten Werken seiner Regierung in der Toskana zählen die umfangreichen Bodenmeliorationen in der Maremma, der Ausbau des Hafens von Livorno, die verkehrstechn. Erschließung des Landes durch Straßen und Eisenbahnen. Zeugen seiner liberalen Einstellung und umfassenden Bildung sind die von ihm eingeleitete Justiz- und Unterrichtsreform (1838–40), die vor allem die Univ. erfaßte und die sich in den in der Folge in der Toskana abgehaltenen wiss. Kongressen weltweit manifestierte (1839 ff.). L. war ohne Zweifel einer der bedeutendsten Vertreter des toskan. Zweiges der Habsburger. Wenn er auch seiner Erziehung und seiner Einstellung nach mehr Italiener als Österr. war, so blieb er sich doch zeitlebens der Zugehörigkeit zum österr. Kaiserhaus bewußt.

L.: G. Baldasseroni, Leopoldo II., granduca di Toscana e i suoi tempi, 1871; Wurzbach; Kosch, Das kath. Deutschland; Enc. It.
(Blaas)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 22, 1970), S. 145
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