Leopoldine, Erzhgn. von Österr., Kn. von Brasilien (1797-1826)

Leopoldine Erzherzogin von Österreich, Kaiserin von Brasilien. * Wien, 22. 1. 1797; † Rio de Janeiro, 11. 12. 1826. Tochter K. Franz I. (s. d.) und dessen zweiter Gemahlin, seiner Kusine Maria Theresia von Sizilien, Mutter der Maria II. da Gloria, Kgn. von Portugal 1826–53, und Pedros II., K. von Brasilien 1831–89. Von Jugend auf widmete sie sich naturwiss. Stud. unter Anleitung des Leiters des Hof-Naturalienkabinetts Carl v. Schreibers. Metternich vermittelte die Verheiratung L.s mit dem portugies. Kronprinzen Pedro, der sich damals mit der gesamten Königsfamilie in dem portugies. Kolonialreich Brasilien befand, wohin diese vor der Besetzung Portugals durch Napoleon geflohen war. L. wurde im Mai 1817 in Wien durch Prokuration dem Prinzen Pedro von Braganza angetraut. Einige Monate später trat sie ihre Brautfahrt nach der Neuen Welt an. Gleichzeitig segelte eine österr. naturwiss. Expedition (u. a. Pohl, Natterer, Mikan, Th. Ender, s. d.) nach Rio de Janeiro. L. erwies sich als leidenschaftliche Naturforscherin: sie fischte, jagte, fing Tiere, sammelte Mineralien, machte chem. Analysen, berichtete über ihre Entdeckungen an Schreibers und sandte bei jeder Gelegenheit Exoten in die Heimat. Sie empfing auch Sendungen der weit im Innern des Landes tätigen österr. Forscher, sortierte und leitete sie nach Wien weiter. Als der König, João VI., nach Portugal zurückkehrte, übernahm Kronprinz Pedro 1821 die Regierung in Brasilien. L.s Stellung zwischen dem liberal gesinnten Gemahl und dem konservativen österr. Regime gestaltete sich schwierig. Als aber die Unabhängigkeitsbewegung der amerikan. Kolonien auch Brasilien ergriff, ermutigte L. ihren Gemahl, sich dafür zu entscheiden. In seiner Abwesenheit von der Hauptstadt führte sie zweimal die Regentschaft. Ende 1822 erfolgte die Krönung Don Pedros zum K. des unabhängigen Brasilien. L. bereitete die Krönungszeremonien vor, die Krönungsgewänder wurden nach ihrem Entwurf ausgeführt. Das gefährliche Tropenklima, die fortdauernden polit. Spannungen, Heimweh, vor allem die offen zur Schau getragene Abwendung ihres Gatten und ihre zerrüttete Ehe führten zu einem als „Gallen- und Nervenfieber“ bezeichneten tödlichen Zusammenbruch der noch nicht Dreißigjährigen. L.s aktive Teilnahme an der Unabhängigkeitsbewegung, aber auch ihre große Herzensgüte, mit der sie sich aller Bedürftigen und Unterdrückten annahm — und sich deswegen bei ihrem kargen Monatsgeld in peinliche Schulden verstrickte — gewann ihr die Herzen des brasilian. Volkes.

L.: Wr. Ztg. vom 28. 5. 1950 und 21. 11. 1954; O. Obry, Grüner Purpur. Brasiliens 1. Kn. Erzhgn. L., 1958; Wurzbach; Brasilian. Mus., Sonderausst. des Naturhist. Mus. in Wien, 1954.
(Fichna)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 22, 1970), S. 147
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