Liechtenstein, Aloys Prinz von und zu (1846-1920), Politiker

Liechtenstein Aloys Prinz von und zu, Politiker. * Wien, 18. 11. 1846; † Wien, 25. 3. 1920. Sohn des Folgenden, Bruder des Politikers Alfred Prinz v. u. z. L. (s. d.), Neffe des Vorigen und des Gen. Friedrich Prinz v. u. z. L. (s. d.), Vetter der beiden Fürsten Johann II. (s. d.) und Franz I. v. u. z. L. (s. d.); nach Stud. am Schottengymn. sowie an der jurid. Fak. der Univ. Wien schlug L. 1868 die militär. Laufbahn ein, wechselte jedoch bereits ein Jahr später in den diplomat. Dienst über, wo er 1870 der österr. Gesandtschaft in München zugeteilt wurde. Seine Versetzung nach London (1871) konfrontierte ihn erstmals deutlich mit den brennenden sozialen Problemen seiner Zeit und ließ ihn Kontakte zu christlichen Sozialreformern aufnehmen. Durch seine Transferierung nach Berlin (1872) gewann L., der enge Beziehungen zu den polit. Führern der dt. Katholiken unterhielt, Einblick in die polit.-konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche. 1873 beendete er als Legationssekretär seine diplomat. Karriere. L. entwickelte dann in seiner Heimat eine rege polit. Tätigkeit und wandte sich vornehmlich gegen die sozialpolit. und konfessionellen Gesetzesvorlagen der Liberalen. Immer mehr trat er — ab 1875 mit Karl Frh. v. Vogelsang, Konvertiten und Wahlösterr., befreundet — als Programmatiker der kath. Volksbewegung in den Vordergrund. 1878 wurde L. ins Abgeordnetenhaus gewählt. Rasch stieg er in die Führungsgruppe der Rechtsparteien auf und trat 1880 auf dem dt.-konservativen Parteitag in Linz für den Zusammenschluß der Rechten des Reichsrates ein („Eiserner Ring“), 1881 gründete er gem. mit seinem Bruder Alfred den „Liechtensteinklub“, eine Vereinigung der christlichen und sozialreformer. orientierten Mitte. L. lehnte eine von den Sozialisten schon ab 1879 angestrebte polit. Verbindung entschieden ab, ohne jedoch die Diskussion mit den radikal-sozialist. Arbeitervertretern aufzugeben. Die deshalb gegen ihn gerichtete liberale Kampagne erreichte 1883 ihren Höhepunkt („Roter Prinz“). Die damals entstandenen Gesetze zur Hebung des Arbeiterstandes gehören mit zu seiner Lebensleistung. L.s Antrag von 1888 zur Einführung der konfessionellen statt der Simultanschule versetzte ihn in ein Kreuzfeuer der Meinungen. In dieser Krise machte L. eine folgenreiche Wendung, indem er sein alpenländ. Reichsratsmandat niederlegte und Verbindung mit Lueger und den antisemit. „Vereinigten Christen“ aufnahm, die alsbald als „Christlichsoziale“ auch gegen die Konservativen auftraten. Als Kandidat für den Wr. Vorortewahlkreis Hernals–Ottakring gelangte L. 1891 mit den ersten Abg. der neuen Partei abermals ins Parlament. Dazu kam 1896 das Mandat im niederösterr. Landtag, ab 1906 hatte er die Würde des Landmarschalls inne. Gem. mit Lueger, Gessmann (s. d.) und Scheicher „eroberte“ L. das Wr. Rathaus und die Landstuben. Man erreichte die Führung auf den Katholikentagen und die Modernisierung der kath. Presse und Ver. Der Sieg bei den Reichsratswahlen von 1907 auf Grund des Allg. Wahlrechts wurde von der Vereinigung mit den Konservativen im Schoße der christlichsozialen Reichspartei begleitet, ein Ziel, das L. nie aus den Augen verloren hatte. Ebensowenig wie seine Parteifreunde hatte er es jedoch auf sich genommen, die Programmatik der christlichsozialen Bewegung in Deutschösterr. zu vertiefen, damit sie sich mit verwandten Richtungen anderer Nationalitäten zu einer wirklichen großösterr. „Reichspartei“ entwickeln hätte können. Auch der mit dem Tod Luegers eintretenden Führungskrise schien sie nicht standhalten zu können. In den Stichwahlen zum Reichsrat im Juni 1911 kam es gerade auf Wr. Boden zu einem polit. Erdrutsch, der sogar L., den neuen Parteichef, das Mandat kostete. Während des Ersten Weltkriegs trat L., der auch Herrenhausmitgl. war, wenig hervor, billigte aber jedenfalls die unbedingt patriot. Haltung seiner Partei. Er bemühte sich um eine entsprechende Zeitschriftengründung („Die Monarchie“, dann umbenannt in „Das Neue Reich“) und verzichtete am Tage des Waffenstillstands ebenso auf sein Landmarschallamt wie auf das Parteipräsidium.

W.: Über Interessenvertretungen im Staate, mit besonderer Beziehung auf Österr., 1875, 2. Aufl. 1877; Die soziale Frage (Rede), 1877; Die Wucherfrage (Vortrag), 1877; „Los von Rom“ heißt „Los von Österreich“ (Rede), 1877; Rede über die Gewerbegesetznovelle, 1882; Rede (über seinen Schulantrag), in: Österr. Volksfreund, 1889, n. 12; Rede, 1895; Glauben und Wiss., 1905; Ursprung und Wesen der Freimaurerei (Vortrag), 1905; Österr.-Ungarns äußere Politik; Die nationale Frage; Das österr. Parlament; Österr. neue polit. Organisation, 1916.
L.: N. Fr. Pr. vom 17. 11. 1906, 21. 8. 1910, 13. 4., 31. 5. und 2. 6. 1911; R. P. vom 18. 11. 1916; Kl. Volksbl. vom 25. 3. 1950; N. Österr. Biographie, Bd. 14, 1960; G. M. Gf. Mniszech, Der Schulantrag des Fürsten L., 1888; Die Bedeutung der Kandidatur des Fürsten A. L. für den Antisemitismus und die christlichsoziale Reform in Österr., 1891; S. Hahn, Reichsraths-Almanach für die Session . . . (1879/80, 1885/86, 1891/92), 1879, 1885, 1891; A. Wilhelm, Die Reichsrats-Abg. des allg. Wahlrechtes, 1907; Wer ist’s? 1908; Sacher, Staatslex.; Masaryk 4; Otto 15; F. Lerch, Die Konservativen und die österr. soziale Gesetzgebung in der Ära Taaffe, phil. Diss. Wien, 1948; N. Miko, Die Vereinigung der Christlichsozialen Partei und des Kath.-Konservativen Zentrums im Jahre 1907, phil. Diss. Wien, 1949; F. Funder, Aufbruch zur christlichen Sozialreform, 1953; J. Ch. Allmayer-Beck, Der Konservatismus in Österr., 1959; H. Bohatta, Liechtenstein. Bibliographie, in: Jb. des Hist. Ver. für das Fürstentum L., Bd. 10, 1910, S. 58.
(Lorenz–Stekl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 23, 1971), S. 203f.
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