Liewehr, Fred (Alfred) (1909–1993), Schauspieler und Sänger

Liewehr Fred (Alfred), Schauspieler und Sänger. Geb. Neutitschein, Mähren (Nový Jičín, CZ), 17. 6. 1909; gest. Wien, 19. 7. 1993 (Ehrengrab: Südwestfriedhof); röm.-kath. Väterlicherseits aus einer Tuchmacherfamilie stammend, Sohn eines Beamten, Bruder des Bühnenbildners und – ab 1955 – Direktors der Modeschule Hetzendorf Prof. Otto Liewehr (geb. Neutitschein, 5. 6. 1916; gest. Wien, 22. 2. 1994), Vater des Schauspielers Florian Liewehr (geb. Seefeld, Tirol, 3. 8. 1945); verehelicht mit der Sängerin →Martha Rohs. – Nach Absolvierung der Realschule in seiner Heimatstadt begann L. 1927 ein Germanistikstudium an der Universität Wien, die er jedoch nach einem Semester wieder verließ. Er dürfte sein Studium eine Zeit lang in Prag fortgesetzt haben, wandte sich allerdings in der Folge dem Schauspielerberuf zu. Nach Besuch des Max Reinhardt-Seminars in Wien (1930–31), an dem er später selbst rund 30 Jahre lang Generationen von Schauspielern heranbilden sollte, wurde er von →Max Reinhardt an das Theater in der Josefstadt geholt, ging jedoch in der darauffolgenden Saison an das Grazer Schauspielhaus, wo er in klassischen Rollen, im Konversations- und Dialektstück, aber auch in Gesangsrollen – er hatte neben seiner Schauspielausbildung Gesangsunterricht genommen – eingesetzt wurde. Ab 1933 war L. am Wiener Burgtheater engagiert (Debüt als Giselher in Hebbels „Die Nibelungen“). Durch viele Jahre verkörperte er als ausgesprochener Liebling des Wiener Publikums alle großen Rollen aus dem Fach des Jugendlichen Helden, wie Shakespeares Romeo, Schillers Max Piccolomini in „Die Piccolomini“ und Karl Moor in „Die Räuber“ (den er noch für sein 25–jähriges Bühnenjubiläum wählte), Jaromir in Grillparzers „Die Ahnfrau“ etc. Später wechselte L. in das Charakterfach; aus dem Mortimer in Schillers „Maria Stuart“ wurde Lord Leicester, aus dem Don Carlos der Marquis von Posa etc. L. konnte jedoch auch in komischen Rollen (Lucio in Shakespeares „Maß für Maß“) und als Bonvivant oder als Raimund-Darsteller (u. a. als Astragalus in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ oder als Flottwell in „Der Verschwender“) überzeugen. Insgesamt soll er 260 Rollen verkörpert haben. Die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Begabung, an der vor allem seine virtuose Sprachbeherrschung hervorzuheben ist, zeigte sich aber auch in seinen Erfolgen an der Wiener Volksoper beziehungsweise der Staatsoper in der Wiener Volksoper, wo er in zahlreichen Tenorrollen brillierte, etwa 1949 in Millöckers „Der Bettelstudent“ an der Seite von →Maria Cebotari, als Adam in Zellers „Der Vogelhändler“ oder als Jupiter in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“. L.s Verkörperung des Fred Graham alias Petruchio in Cole Porters „Kiss me Kate“ 1956 an der Volksoper trug nicht unwesentlich zur Popularisierung der Gattung Musical in Wien bei. Daneben wirkte L. ab 1937 bei den Salzburger Festspielen und ab 1935 in Film- und später Fernsehrollen sowie im Rundfunk. 1978–80 war er interimistischer Leiter der Seefestspiele Mörbisch und der Burgspiele in Forchtenstein. Unter seiner Intendanz kamen Kálmáns „Die Zirkusprinzessin“ sowie die Strauß-Operetten „Die Fledermaus“ und „Der Zigeunerbaron“ auf der Seebühne zur Aufführung. L. erfuhr vielfache Ehrungen und Auszeichnungen, so wurde er 1969 Ehrenmitglied des Burgtheaters, 1981 Doyen; er war Hofrat und Träger des Grillparzer-Rings.

Weitere Sprechrollen: Graf Dunois, Lionel (F. v. Schiller, Die Jungfrau von Orleans); Friedrich Wetter, Graf vom Strahl (H. v. Kleist, Das Käthchen von Heilbronn); Bolingbroke (W. Shakespeare, König Richard II.); Heinrich Percy (ders., König Heinrich IV.); Maximilian (F. Werfel, Juarez und Maximilian); Ein berühmter Mann (H. v. Hofmannsthal, Der Schwierige); etc. – Weitere Gesangsrollen (s. auch Chronik der Wiener Staatsoper 1945 bis 2005, zusammengestellt von A. Láng, 2005, S. 561): Eisenstein (J. Strauß, Die Fledermaus); Danilo (F. Lehár, Die lustige Witwe); René (ders., Der Graf von Luxenburg); etc. – Filme: Jana, das Mädchen aus dem Böhmerwald, 1935; Unsterblicher Walzer, 1939; Brüderlein fein, 1942; Der Engel mit der Posaune, 1948; Maria Theresia, 1951; Das Licht der Liebe, 1954; Im Prater blüh’n wieder die Bäume, 1958; etc. – Fernsehspiele: Der Raub der Sabinerinnen, 1976; Der Unbestechliche, 1984; etc.
N.: Die Presse, Kurier, Oberösterreichische Nachrichten, 21. 7. 1993 (alle m. B.).
L.: Alth, Burgtheater, s. Reg.Bd.; Czeike (m. B.); Enc. dello spettacolo; Kosch, Theaterlex.; Kutsch–Riemens, 4. Aufl. 2003; oeml; O. M. Fontana, Wiener Schauspieler von Mitterwurzer bis Maria Eis, 1948, S. 234f.; J. Handl, Schauspieler des Burgtheaters, 1955, S. 155–157 (m. B.); H. Hackenberg – W. Herrmann, Die Wiener Staatsoper im Exil 1945–1955, 1985, s. Reg. (m. B.); I. Ackerl – F. Weissensteiner, Österreichisches Personenlexikon, 1992; K. Bachler, Die Volksoper, 1998, s. Reg. (m. B.); H. Prikopa, Die Wiener Volksoper, 1999, s. Reg. (m. B.); K. Weniger, Das große Personenlexikon des Films 5, 2001; Materialiensammlung ÖBL (m. B.), UA, beide Wien; Mitteilung Stefan Liewehr, Wien.
(E. Lebensaft)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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