Liszt, Franz von (1811-1886), Komponist

Liszt Franz von, Komponist. * Raiding, Kom. Ödenburg (Burgenland), 22. 10. 1811; † Bayreuth (Oberfranken), 31. 7. 1886. Sohn des Esterházyschen Verwalters Adam L. (1776–1827), Neffe des Vorigen, Vetter des Arztes und Schriftstellers Joseph Anton L. (s. d.) und des Folgenden; erhielt den ersten Klavierunterricht vom Vater. Im August oder September 1819 dürfte er in Baden bei Wien erstmals öff. aufgetreten sein. Weitere Konzerte folgten in Ödenburg und Preßburg. Auf Grund des letzten (26. 11. 1820) setzten ihm ung. Magnaten ein Studienstipendium aus. Da J. N. Hummels (s. d.) Forderungen zu hoch waren, brachte der Vater den Knaben nach Wien zu C. Czerny (s. d.). Neben dessen Klavierunterricht erhielt er Unterweisung in Musiktheorie durch A. Salieri. 1822 wurde der Elfjährige zur Mitarbeit an A. Diabellis (s. d.) „Vaterländischem Künstlerverein“ eingeladen. Am 1. 12. 1822 und am 13. 4. 1823 gab er öff. Konzerte, beim zweiten wurde er von Beethoven (s. d.) vor dem Publikum geküßt. Der Erlös dieser Konzerte und eines weiteren in Budapest am 1. 5. 1823 gab der Familie die Möglichkeit zur Übersiedlung nach Paris; auf der Reise und später von Paris aus gab L. Konzerte (England, Frankreich, Schweiz). Da ihm als Ausländer die Aufnahme ins Pariser Konservatorium verweigert wurde, bildete er sich auf dem Klavier autodidakt., hauptsächlich nach der Methode Kalkbrenners (s. d.) fort, stud. aber Musiktheorie bei F. Paer und A. Reicha. Er blieb bis 1837 in Paris und unterrichtete in den höchsten Kreisen. Berlioz und Paganini regten seine künstler. Entwicklung stark an, weniger Chopin, mit dem er jedoch in gutem persönlichen Kontakt stand. 1835–39 lebte L. mit Gfn. Marie d’Agoult zusammen (von welcher er drei Kinder hatte) in Genf, Paris und Italien. Inzwischen hatte die Künstlerlaufbahn L.s eine entscheidende Wendung genommen: durch seine triumphalen Erfolge bei Konzerten in Wien 1838 bestimmt, begann L. eine Konzerttätigkeit, die 1839 wiederum in Wien begann und ihn durch ganz Europa führte. In Kiew begegnete er 1847 der Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein, welche ihren Mann verließ und sich schließlich mit L. in Weimar ansiedelte. Hier war L. bereits 1842 zum großherzoglichen Kapellmeister in außerordentlichen Diensten ernannt worden, eine Stelle, die er 1844 erstmals ausgeübt hatte und nun in vollem Maße aufnahm. Seine Lebensgemeinschaft mit der Fürstin, welche die Scheidung ihrer Ehe nicht erreichen konnte, brachte ihn gesellschaftlich in eine peinliche Situation. Unter schwierigen finanziellen und administrativen Verhältnissen entfaltete er eine erfolgreiche künstler. Tätigkeit, welche in dem selbstlosen Eintreten für R. Wagner gipfelte. Wahrscheinlich unter dem Einfluß der Fürstin nahm L. 1865 in Rom die Tonsur und die drei Weihen des Klerikers. Seither führte er ein unstetes und unbefriedigtes Wanderleben, kehrte für kurze Zeit auch nach Weimar zurück, hielt sich jedoch mit Vorliebe in Budapest und Rom auf. Als Virtuose hat L., auf seinem Lehrer C. Czerny fußend, die Klaviertechnik ungeheuer ausgebaut, in Richtung auf den Orchesterklang hin, auf eine neue Gesanglichkeit vom romant. Lied her und auf die von ihm bedeutend erweiterten Möglichkeiten des virtuosen Spieles selbst, etwa des Figurenwerks oder auch der Subtilität des Anschlages. Nicht weniger hat L. als Komponist gewirkt, hier vor allem auf harmon. Gebiet, wegweisend aber auch in der Auslotung der techn. und formalen Möglichkeiten überhaupt und in der Programmatik der inhaltlichen Erfüllung (symphon. Dichtungen). L. hat sich auch bedeutende Verdienste um die soziale Stellung des Musikers erworben; er gründete 1861 den Allg. Dt. Musikver. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1859 nob.

W.: Klavierwerke: Dante-Sonate; Sonate in h-Moll; Les Jeux d’eau de la Villa d’Este; Ung. Rhapsodien; etc. Symphon. Dichtungen: Les Préludes; Dante- und Faustsymphonie; etc. 4 Messen; 2 Oratorien, eines unvollendet; Orgelmusik.
L.: Burgenländ. Heimatbll. 5, 1936. S. 24–34; P. Raabe, F. L., 2 Bde., 1931 (mit vollständigem Werksverzeichnis; Die Musik in Geschichte und Gegenwart; Zénei Lex. 2.
(Antonicek)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 23, 1971), S. 247f.
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