Löhner, Ludwig von (1812-1852), Politiker

Löhner Ludwig von, Politiker. * Rostok (Roztoky, Böhmen), 24. 9. 1812; † Marseille, 7. 5. 1852. Sohn des Vorigen, Vater des Literarhistorikers Hermann v. L. (s. d.); stud. an der Univ. Prag Jus, in Wien und Pavia Med., Dr. med. Ab 1840 praktizierte L. in Wien am Allg. Krankenhaus und als Armenarzt in Wien-Rossau. Im Oktober 1847 hielt L. im Jurid.-polit. Lesever. einen aufsehenerregenden Vortrag über voraussichtliche polit. Umwälzungen in West- und Mitteleuropa. Als die Nachricht von der Pariser Februarrevolution eintraf, rief L. sofort am 1. März 1848 zur Vereinigung von Bürgern und Landständen zum Sturze des Systems auf. Am Abend des 13. März gewann seine feurige Rede die Mediziner für „„die Mission Wiens, eine politische Revolution siegreich durchzukämpfen, um eine soziale Umwälzung zu verhüten““. Eine ganz persönliche Note erhielt L.s Eingreifen, als das Erscheinen zweier Prager Deputationen am Kaiserhofe eine Neuordnung in Böhmen in Aussicht stellte, die er sofort mit der Gründung eines „„Vereins der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien““ beantwortete, der für die Beteiligung an den Wahlen nach Frankfurt eintrat. Die Stadt Rumburg wählte L. in die dt. Nationalversmlg., die Stadt Saaz in den österr. Reichstag. Gegen Ende Juni erweiterte L. seine erstaunlich rasch verbreitete Organisation zu einem „„Verein der Deutschen in Österreich““. L. selbst schwang sich im Reichstag zum Führer der dt. Linken auf, überzeugt von der Rolle des Deutschtums für die Freiheit aller Nationalitäten. L.s große Idee einer Nationalföderation — ohne Ungarn — durch eine Kreiseinteilung anstatt der hist. Kronländer, fand ihren lauten Ausdruck auf dem von ihm einberufenen Kongreß von Vertrauensmännern in Teplitz am 26. 8. 1848. Das Versagen der Paulskirche in der Neuordnung der dt. Frage, die Ausschreitungen der Wr. Oktoberrevolution, die Wiederherstellung der monarch. Gewalt auf militär. Wege, das alles legte L. eine Verständigung mit dem gemäßigten slaw. Bürgertum nahe. Er schlug nun die Gründung von gleichberechtigten Gliedstaaten für Dt-., Tschech.-, Slowen.- und Poln.-Österr. vor. Seine ethn.-föderalist. Pläne zusammen mit den Entwürfen des Tschechen Palacky und des Slowenen Kaučič bildeten die Grundlage der Verfassungsarbeit von Kremsier. L.s persönliche Mitwirkung an den Ereignissen, die nicht ohne Widerspruch aus den eigenen Reihen blieb, trat schon im Jahre 1849 infolge Krankheit mehr und mehr zurück. Seine polit. Reden bezeugen positives, erfahrungsbegründetes Volks- und Staatsdenken. Als Dichter (Ps. L. v. Morajn, L. Rehland) wählte er vielfach hist. und kulturgeschichtliche Stoffe und faßte seinen Wissensreichtum in gegenständlich-anschauliche Formen. Im Bereich der Stimmungslyrik fand L. echten Gefühlsausdruck mit gültigen Gleichnissen und tiefsinniger Betrachtung.

W.: Analogia morborum cum organismis, 1838; Gedichte, 1848; Reden, gehalten am österr. konstituierenden Reichstage, 1850; Bojar und Zigeuner (Drama), o. J.; Beitrr. in Z. und Ztg.
L.: Sudetendt. Ztg. vom 17. 9. 1965 und 4. 3. 1966; Österr. Rundschau, Bd. 24, 1910, S. 304; E. K. Sieber, L. v. L., ein Vorkämpfer des Deutschtums in Böhmen, Mähren und Schlesien im Jahre 1848/49, 1965; J. Fischer, Wiens Mediziner und die Freiheitsbewegung des Jahres 1848, in: Wr. medizingeschichtliche Beitrr. 1, 1935, S. 81 f.; F. Prinz, Führende Sudetendt. 1848, in: Bohemia, Jb. des Collegium Carolinum München, Bd. 1, 1960, S. 179; Brümmer; Giebisch–Gugitz; Giebisch–Pichler–Vancsa; Kosch; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 3, S. 373, 377, 594; Wurzbach; Kosch, Das kath. Deutschland; ADB; Masaryk 4; J. A. v. Helfert, Geschichte der Wr. Revolution, Bd. 1, 1907, s. Reg.; F. Hauptmann, Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Deutschböhmen 1848/49, 1926, S. 53 ff., 69 ff.; R. A. Kann, Das Nationalitätenproblem, Bd. 2, 1964, S. 20 ff.
(Hanus–Lorenz)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 23, 1971), S. 275
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