Löhr, Alexander (1885–1947), General

Löhr Alexander, General. Geb. Turnu-Severin (Drobeta-Turnu Severin, RO), 20. 5. 1885; gest. Beograd, Jugoslawien (SRB), 26. 2. 1947 (hingerichtet); griech.-oriental. Sohn des Schiffskapitäns Friedrich Löhr (1850–1915) und der Krankenschwester Katharina Löhr, geb. Heimann (Heyman) (gest. 1928); ab 1919 verheiratet mit Christine Löhr, geb. Fellner (gest. 1986). – L. absolvierte ab 1896 die Militär-Unterrealschule in Kaschau, ab 1900 die Infanterie-Kadettenschule in Temeswar und ab 1903 die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt; 1906 Leutnant beim 85. Infanterieregiment in Leutschau. 1908 wurde er bei der Annexion Bosniens und der Herzegowina zum ersten Mal auf dem Balkan an der serbischen Grenze eingesetzt. Nach dem Besuch der Kriegsschule in Wien (1913) wurde L. in den Generalstab übernommen und als Oberleutnant zum Kommando der Verkehrstruppenbrigade versetzt, wo er mit der im Aufbau befindlichen Luftfahrtruppe in Berührung kam. Bei Kriegsausbruch 1914 mit der Generalstabsabteilung des 5. Armeekommandos erneut auf dem Balkan gegen serbische Truppen eingesetzt, führte er auch Aufklärungsflüge als Beobachter und Bombenabwürfe im Raum Valjevo durch. Ende September 1914 wurde L. Generalstabsoffizier der 58. Brigade der 29. Infanterietruppendivision, die ab Anfang 1915 in den Karpaten gegen die russischen Truppen zum Einsatz kam. Im selben Jahr in die neue Abteilung 5/M des Reichskriegsministeriums berufen, arbeitete er als Hauptmann am weiteren Aufbau der Fliegertruppe mit, nur unterbrochen durch seine Kommandantur eines Infanteriebataillons an der italienischen Front bei Ponte di Piave von Jänner bis März 1918. Nach Kriegsende kam L. in die 11. Abteilung des Staatsamts für Heerwesen der deutsch-österreichischen Volkswehr. 1920 wurde er als Major des höheren militärischen Diensts in der Abteilung 10 des neugebildeten Bundesministeriums für Heerwesen mit der Bearbeitung aller das Luftkriegswesen betreffenden Angelegenheiten betraut. 1923 wechselte er als Oberstleutnant (1921) mit seinem Referat in die Präsidialsektion, wo er den Aufbau einer kleinen, aber schlagkräftigen Fliegertruppe vorbereitete. Nach der Lockerung der Luftklausel durch die Entente schuf L. (1928 Oberst) mit der ÖLAG-Fliegerschule Graz-Thalerhof die Voraussetzung zum Aufbau einer neuen Fliegertruppe. 1929 konnte er mit ehemaligen Kriegsfliegern der Polizei und des Bundesheers (u. a. Julius Yllam) und mit einigen aus dem Weltkrieg stammenden „Brandenburger“-Flugzeugen sowie einer neuen Udet „Flamingo“ mit der getarnten Pilotenausbildung beginnen. Mit Ankäufen bei der wieder erwachten österreichischen Flugzeugindustrie und im Ausland baute er bis Anfang 1934 einen kleinen Flugzeugpark auf. 1933 stellte L. mit italienischer Unterstützung die erste – noch getarnte – Jagdstaffel in Graz auf, 1934 wurden zwei kleine Fliegerformationen als Lehrabteilungen in das Bundesheer übernommen, in Luftschutzabteilungen umbenannt und L. unterzog sich mit fast 50 Jahren noch der Flugzeugführerausbildung. 1935 wurde die Tarnung endgültig fallen gelassen und Generalmajor (1934) L. konnte als Kommandant der Luftstreitkräfte den Ausbau der Fliegertruppe vorantreiben. Die rasche Herstellung einer Bodenorganisation machte den Bau der Fliegerhorste Wels, Aigen im Ennstal und Zeltweg, den Wiederaufbau von Wiener Neustadt sowie die Modernisierung von Graz-Thalerhof und Aspern notwendig. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1938 wurde L., der weder Nationalsozialist noch Angehöriger des NS-Soldatenrings war, auf Fürsprache des Staatssekretärs Erhard Milch in die Deutsche Luftwaffe übernommen. 1938 Generalleutnant, erhielt er den Auftrag, das Luftflottenkommando „Ostmark“ in Wien zu bilden. 1939 zum General der Flieger befördert, wurde L. Chef der Luftflotte 4, deren Verbände in der Ostmark, in Böhmen, Mähren und Schlesien stationiert waren. Im Polenfeldzug unterstützte die Luftflotte 4 die Heeresgruppe Süd. Als Befehlshaber Südost oblag L. der Schutz des erweiterten Ölgebiets in Rumänien und später des Aufmarschs der 12. Armee für den Balkanfeldzug. Zu Beginn der Feldzüge gegen Jugoslawien wurde Belgrad ohne Kriegserklärung durch die Luftflotte 4 bombardiert. L. selbst wählte die militärischen Ziele aus, gab die Befehle persönlich an die Kommandeure und die Besatzungen weiter und schaltete so – gemäß seiner Erstschlagstheorie – die jugoslawischen Führungszentren aus. →Adolf Hitler und Hermann Göring hatten die Zerstörung Belgrads gefordert. Die Luftflotte 4 sicherte entscheidend den deutschen Vormarsch in Jugoslawien und anschließend in Griechenland. Auch der Großeinsatz der Fallschirm- und Luftlandetruppen des XI. Fliegerkorps gegen Kreta geschah auf L.s Initiative; 1941 Generaloberst, unterstützte er mit der Luftflotte wieder die Heeresgruppe Süd beim Angriff auf die Sowjetunion. Nach der Eroberung der Krim und der Einnahme der Festung Sewastopol wurde L. – er hatte den Einsatz seiner Fliegerkräfte als zu rasant und rücksichtslos bezeichnet – 1942 durch Wolfram von Richthofen abgelöst und zum Oberbefehlshaber der 12. Armee (Saloniki) und gleichzeitig zum Wehrmachtsbefehlshaber Südost bestimmt. Die 12. Armee übernahm die Sicherung des jugoslawischen, festlandgriechischen und ägäischen Raums und die Bekämpfung der Aufstandsbewegungen. Als oberster Vertreter der Wehrmacht auf dem Balkan übte L. in den besetzten Gebieten vollziehende Gewalt aus, hatte die Befugnisse eines Territorialbefehlshabers und alle militärischen Fragen in einer Hand zusammenzufassen sowie die Zusammenarbeit mit den italienischen und bulgarischen Truppen zu regeln. Mit der Umbenennung der 12. Armee in Heeresgruppe E wurde L. zum Oberbefehlshaber Südost ernannt und direkt dem Oberkommando der Wehrmacht unterstellt. 1943 versuchte die Wehrmacht die Aufstandsbewegungen auf dem Balkan in mehreren Operationen zu zerschlagen, was scheiterte. Dem Anführer der jugoslawischen Befreiungsarmee, Josip Broz Tito, zollte L. stets Anerkennung. Als Folge der Kapitulation Italiens wurde in Belgrad die Heeresgruppe F aufgestellt, deren Oberbefehlshaber Maximilian Reichsfreiherr von Weichs zugleich die Funktion Oberbefehlshaber Südost übernahm. L. konnte sich nun mit der Heeresgruppe E der Sicherung Griechenlands und der Ägäis zuwenden. Nach der Entwaffnung und Gefangennahme der italienischen Truppen gelang ihm im Herbst 1943 durch die Rückeroberung der befestigten Inseln des italienischen Dodekanes Rhodos, Leros und Kos die Sicherung der Ägäis. Ab September 1944 hatten Weichs in Belgrad und L. die Absetzbewegungen der auf dem Balkan stationierten Truppen einzuleiten. L. gelang es, trotz ständig zunehmender Partisanentätigkeit, bis zum April 1945 einen geordneten Rückzug von 300.000 Soldaten von der Ägäis bis zu den Alpen durchzuführen. Im März 1945 wurde er erneut Oberbefehlshaber Südost mit Sitz in Zagreb. Anfang Mai musste er erkennen, dass die Rückführung seiner Heeresgruppe auf österreichisches Gebiet vor der bedingungslosen Kapitulation nicht mehr möglich war. Er versuchte in persönlichen Verhandlungen vergeblich, seine Heeresgruppe zur Gänze in britische Gefangenschaft zu überführen. L. lehnte die Fortsetzung des Kampfs ab, blieb bei seinen Truppen, ging mit etwa 150.000 Mann in jugoslawische Gefangenschaft und stellte sich Mitte Mai 1945 der jugoslawischen IV. Operationsarmee als Kriegsgefangener zur Verfügung. Frau und Tochter flohen vor der Roten Armee nach Bad Ischl und wurden in die Nähe von Lienz verbracht. Nach knapp zwei Jahren Gefangenschaft wurde L. im Februar 1947 vor dem höchsten Militärgericht aufgrund der von ihm befohlenen bzw. mitgetragenen Kriegsverbrechen in Belgrad zum Tod verurteilt. Die Einreichung eines Gnadengesuchs lehnte er ab, das Urteil wurde am Stadtrand von Belgrad vollstreckt. Gedenktafeln, u. a. in der Wiener Stiftskirche und in der Landesverteidigungsakademie in Wien, wurden aufgrund der historischen Neubewertung seiner Biographie Ende der 1990er-Jahre bzw. 2015 demontiert. L. erhielt 1939 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes sowie 1945 das Eichenlaub zum Ritterkreuz.

L.: Der Standard, 25. 9. 2014; NDB; S. Ganglmair, in: Hitlers militärische Elite 2, ed. G. R. Ueberschär, 1998, S. 123ff.; Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, ed. W. Wette – G. R. Ueberschär, 2001, S. 192, 303ff.; E. Pitsch, A. L. 1–3, 2004–09 (mit Bild); A. Suppan, Hitler – Beneš – Tito 1–3, 2014, s. Reg.; C. Zamfirescu, Enigmaticul general A. L., 2018; H. F. Potempa, Balkan 1914–45, 2021, s. Reg.; KA, Wien; Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, D; Mitteilung Gertrud Egger-Lienz, Salzburg, Salzburg.
(E. Pitsch)   
Zuletzt aktualisiert: 20.12.2021  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 10 (20.12.2021)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 23, 1971), S. 276
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