Luschan, Felix von (1854-1924), Anthropologe

Luschan Felix von, Anthropologe. * Hollabrunn (N.Ö.), 11. 8. 1854; † Berlin, 7. 2. 1924. Sohn eines Advokaten; stud. nach der Reifeprüfung am Akadem. Gymn. in Wien (1871) an der Univ. Wien Med., 1878 Dr.med., 1878/79 Militärarzt bei der Okkupation in Bosnien, 1882 Habil., an der Univ. Wien für Anthropol. bzw. für phys. Ethnographie. 1882/83 machte er seine erste Expedition nach Kleinasien, 1885 wurde L. als Direktorialass. an das Berliner Mus. für Völkerkde. berufen. 1888 Dr.phil. (München) und Habil. an der Univ. Berlin für Anthropol. 1904–10 Dir. der Afrika- und Ozeanien-Abt. am Berliner Mus. für Völkerkde. 1900 ao. Prof., 1909–22 o. Prof. für Anthropol. an der Univ. Berlin. Erstmals bekannt wurde L. durch die unter seiner Leitung erfolgten Ausgrabungen (1883) von Sendschirli (Zincirli, Türkei), der Ruinenstätte des alten Samal, der Hauptstadt eines späthethit. Königreiches (1200–709 v. Chr.). Die damit in Zusammenhang stehenden anthropolog. und ethnolog. Forschungen L.s in Kleinasien und Syrien führten schließlich zur Herausarbeitung einer armen. „Urrasse“ mit extremer Kurz- und Hochköpfigkeit und stark hervortretender Nase, welche er als hethit. Typus in den Skulpturen von Sendschirli wiederzufinden glaubte. L. war am Aufbau der reichen Sammlungsbestände des Berliner Völkerkde.-Mus. weitgehend beteiligt. Außer den mehr als 200 Titel umfassenden größeren und kleineren Veröff. sind als Hauptwerke der Sammelbd. „Ausgrabungen in Sendschirli“, „Die Altertümer von Benin“ und „Völker, Rassen, Sprachen“ zu nennen. Als Anthropologe war L. bemüht, die Untersuchungen an Lebenden mit den Untersuchungen an Skeletten zu vereinigen und an Hand eines möglichst umfangreichen und zumeist von ihm selbst zustande gebrachten Materials die großen Zusammenhänge zur Darstellung zu bringen. Beispiele dazu liefern die Betrachtungen über verschiedene kleinasiat. Ethnien, über Kreter, Altägypter, Hamiten, Juden, Pygmäen und Buschmänner. Als Ethnologe wandte sich L. einem sehr umfangreichen und spezialisierten Themenkreis zu und versuchte, diesem auf hist.-rekonstruierende Weise gerecht zu werden. Nicht zuletzt aber haben seine ungewöhnlichen Kenntnisse sowie die auf den vielen Reisen gesammelten Erfahrungen und prakt. Erfolge im Rahmen der Museums- und Lehrtätigkeit zur Festigung der nur zögernd gewährten Anerkennung der Völkerkde. wesentlich beigetragen.

W.: Ausgrabungen in Sendschirli, 1893–1943; Beitrr. zur Völkerkde. der dt. Schutzgebiete, 1897; Die Altertümer von Benin, 3 Bde., 1919; Völker, Rassen, Sprachen, 1922, Neuaufl. 1927; etc. Zahlreiche Abhh. in Fachz.
L.: N. Fr. Pr. vom 14. 2. 1924; Z. für Ethnol., Jg. 56, 1924, S. 112 ff., Jg. 83, 1958, S. 285 ff. (Bibliographie), Jg. 85, 1960, S. 118 ff. (Bibliographie); Carinthia I, Jg. 115, 1925, S. 63 f.; Forschungen und Fortschritte, Jg. 39, 1965, S. 362 ff.; Fischer 2, S. 954; Pagel; Wer ist’s? 1905–22; S. Westphal-Hellbusch, 100 Jahre Ethnol. in Berlin, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Entwicklung an der Univ., in: 100 Jahre Berliner Ges. für Anthropol., Ethnol. und Urgeschichte, 1869–1969, 1969, S. 157 ff.; Österr. Mäzenatentum von einst. Mus. für Völkerkde. Wien, 1960 (Ausst.-Katalog); Mitt. M. Susani, Wien.
(Hirschberg)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 5 (Lfg. 24, 1971), S. 372f.
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