Mayreder, Rosa; geb. Obermayer (1858-1938), Sozialphilosophin, Frauenführerin und Dichterin

Mayreder Rosa, geb. Obermayer, Sozialphilosophin, Frauenführerin und Dichterin. * Wien, 30. 11. 1858; † Wien, 19. 1. 1938. Gattin des Vorigen, Schwägerin des Architekten Julius M. (s. d.) und des Folgenden, Tochter Franz Obermayers, Besitzer des Winterbierhauses, Wien I, Landskrongasse; ihr beachtliches Maltalent, ausgebildet von Darnaut-Fix (s. d.) und Charlemont (s. d.), brachte ihr schöne Erfolge – sie wurde als erste Frau in den Aquarellistenclub aufgenommen. Ihre dichter. Erstlingswerke, Novellen und Romane, befaßten sich bereits mit Problemen des Frauenlebens im Rahmen der herrschenden Konvention. Bekannter wurde ihr Name durch das von ihr verfaßte Textbuch zu Wolfs Oper „Der Corregidor“ (1895). Die Begegnung mit der bedeutenden Frauenführerin Fickert (s. d.) führte sie prakt. Arbeit in der Frauenbewegung zu. 1893–1903 gehörte sie als Vizepräs. dem „Allgemeinen österreichischen Frauenverein“ an. Zusammen mit Fickert und M. Lang (s. d.) gab sie die bahnbrechenden, leider nur kurzlebigen „Dokumente der Frauen“ heraus (1899). Als die internationale Propaganda gegen die staatliche Reglementierung der Prostitution auch nach Österr. drang, stellte ihr der Allg. österr. Frauenver. seine Mitarbeit zur Verfügung. M. trat mit einem wohlfundierten Referat mutig der Prüderie der Zeit entgegen (1894). Die auf dessen Grundlage eingebrachte Petition wurde zwar vom Abgeordnetenhaus nicht behandelt, trug aber viel zur Aufklärung und Aufrüttelung der Bevölkerung bei. Lebhaftes Interesse über Österr. Grenzen hinaus fand M.s Essaysmlg. „Zur Kritik der Weiblichkeit“, welche aktuelle Probleme und Streitfragen der Frauenbewegung behandelt. Unter dem Einfluß Goldscheids (s. d.) wandte sie sich sozialphilosoph. Stud. zu und nahm tätigen Anteil an der Friedensbewegung nach 1918. Der österr. Zweig der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit wählte sie zur Vorsitzenden. Im späteren Alter trat die individualist. Komponente ihres vielseitigen Geistes wieder mehr in den Vordergrund. M. wurzelte in der positivist. und evolutionist., diesseits gerichteten Lebensanschauung ihrer Epoche. Sie war eine repräsentative Erscheinung des freisinnigen Wien und von führendem Einfluß in der Frauenbewegung. Ein bedeutender Teil ihres literar. Werkes ist dem Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander, der „hohen Geschlechtsliebe“ als Kulturfaktor, gewidmet.

W.: Der Corregidor (Opernlibretto), Musik von H. Wolf, 1895, Neuaufl. 1958; Zur Geschichte einer Petition, 1895; Aus meiner Jugend (Novellen), 1896, 2. Aufl. 1908; Übergänge (Novellen), 1897; Idole (Roman), 1899; Pipin (Roman), 1903, 2. Aufl. 1908; Zwischen Himmel und Erde (Sonette), 1908; Der typ. Verlauf sozialer Bewegungen, in: Der Aufstieg 3, 1917, 2. Aufl., in: Soziol. und Sozialphil. 4, 1925; Fabeleien über göttliche und menschliche Dinge, 1921; Die Frau und der Internationalismus, in: Bücher für Frieden und Freiheit 3, 1922; Der letzte Gott (sozialeth. Aufsätze), 1933; Anda Renata (Versdrama), in: Schriftenreihe der Wr. Theatergilde, 1934; Gaben des Erlebens (Aphorismen), 1935; Ein Schicksal (Sonette), 1935; etc. Essays: Zur Kritik der Weiblichkeit, 1905, Neuaufl. 1922; Geschlecht und Kultur, 1923; Mensch und Menschlichkeit, in: Soziol. und Sozialphil. 7, 1928; Die Krise der Ehe, 1929; Krise der Väterlichkeit, hrsg. von K. Braun-Prager, in: Stiasny-Bücherei 131, 1963.
L.: R. M., Das Haus in der Landskrong., 1948 (Autobiographie bis 1881); Wr. Ztg. vom 16. 1. 1934 und 4. 12. 1948; N. Fr. Pr. vom 25. 1. 1938; Die Presse vom 27. 11. 1948; AZ vom 30. 11. 1958; Rathaus-Korrespondenz vom 11. 10. 1962; Neues Frauenleben, 1905, 1914; Der Bund, 1918, Dez.; Die Frau, 1923, 1928; Die Österreicherin, 1928, n. 9, 1938, n. 1; Wort in der Zeit, 1958, H. 11, S. 64; H. Dworschak, R. O.-M. Leben und Werk, phil. Diss. Wien, 1949; Der Aufstieg der Frau. Zu R. M.s 70. Geburtstag, 1928; Brümmer; Eisenberg, 1893, Bd. 1; Giebisch–Gugitz; Giebisch–Pichler–Vancsa; Kosel; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 4, s. Reg.; Frauenbilder aus Österr., 1955; Lex. der Frau; Jb. der Wr. Ges., 1929; Wer ist Wer?; Österr. der Gegenwart, bearb. von R. Teichl, 1951; Wer ist’s? 1935; H. Wolf, Briefe an R. M., 1921; Festschrift des Bundes österr. Frauenver., 1930; Original-Briefe R. M.s an A. Fickert, Bibl. der Stadt Wien.
(M. Fichna)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 26, 1973), S. 9f.
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