Manzoni, Alessandro (1785-1873), Schriftsteller

Manzoni Alessandro, Dichter. * Mailand, 8. 3. 1785; † Mailand, 22. 5. 1873. Wegen ungünstiger Familienverhältnisse (Trennung der Eltern) wurde der Heranwachsende in einem geistlichen Internat erzogen und reagierte zunächst mit der Leichtfertigkeit des jungen Revolutionärs. Romant. Begeisterung wurde ihm durch seinen Freundeskreis vermittelt (vor allem von den späteren Begründern des „Conciliatore“, Visconti und Confalonieri). 1805 begab er sich zu seiner Mutter Giulia, der Tochter des bekannten Juristen Beccaria, nach Paris. Entscheidend für sein linguist. Interesse wurde die Begegnung mit C. Fauriel. 1808 heiratete M. nach protestant. Ritus die Schweizer Bankierstochter Enrichetta Blondel; sie förderte seine Bereitschaft zur religiösen Auseinandersetzung, die zu M.s berühmter „Konversion“ zum Katholizismus führte. Der Dichter, bisher mit der Abfassung klassizist. Verse nach dem Vorbild der von ihm bewunderten Zeitgenossen V. Monti und U. Foscolo beschäftigt („Il trionfo della libertà“, „L’Adda“, „In morte di Carlo Imbonati“, „Urania“), bestimmte fortan durch seine weltanschauliche Einstellung die italien. romant. Bewegung. In einer weiteren Phase seines poet. Schaffens wandte er sich der religiösen Lyrik zu und verfaßte in den Jahren 1812–22 die „Inni Sacri“, Hochgesänge auf die Feste des Kirchenjahres. Anläßlich des Todes Napoleons entstand die (von Goethe übers.) Ode „Il cinque maggio“ (1821). Mit dem Durchbruch der romant. Manifeste realisierte M. die neue Form des Theaters, zunächst mit der Tragödie „Il Conte di Carmagnola“ (1816–18), worin ein Condottiere-Schicksal behandelt wird. M. rechtfertigte sein Werk mit den beigefügten „Notizie storiche“ und einer Einleitung, die dem Anliegen seiner in „Lettre à M. Ch(auvet) sur l’unité de temps et de lieu dans la tragédie“ geäußerten Theatertheorie entsprach. Auch „Adelchi“ (1820–22), die Langobardentragödie aus der Zeit Karls des Großen, ist von hist. und moralphilosoph. Erwägungen mitbestimmt. Eine dritte Tragödie, „Spartaco“, blieb im Ansatz stecken. Der hist. Roman „I promessi sposi“ bildete den Höhepunkt im Schaffen M.s: gemäß dem perseverierenden Streben des Autors, ein vollendetes Werk zu schaffen, erstreckte sich die Entstehungszeit des Romans über einen Zeitraum von über 20 Jahren: die erste Fassung mit dem Titel „Fermo e Lucia“ wurde bereits zur ersten Ausgabe von 1827 („I promessi sposi, Storia milanese del sec. XVII“) umgearbeitet und bis zur endgültigen Version von 1840/41 vor allem in linguist. Anpassung an das Toskan. neu gestaltet. In Anlehnung an W. Scott und mit Berufung auf eine Chronik aus dem 17. Jh., die der Autor in getreuer Umschreibung zu reproduzieren vorgab, präsentierte sich das Werk als ein Zeitgemälde der regionalen Geschichte der Lombardei zur Zeit der span. Besetzung und verwob das Schicksal divergierender sozialer Schichten zu einem Geflecht spannender Ereignisse und eth. Sinngebung. „I promessi sposi“ wurde kraft schöpfer. Atems zum unübertroffenen Muster des italien. hist. Romans, dessen Tradition sich bis in unsere Gegenwart erstreckt. Mit der Gestaltung des Romanhaften sind unverbrüchlich das sprachliche Anliegen und die moral. Konzeption verbunden. Über das dichter. kreative Schaffen hinaus, das für M. mit der definitiven Ausgabe der „Promessi sposi“ abschließt, befaßte er sich in seinen weiteren Schriften mit linguist., hist. und gesellschaftspolit. Problemen, die manche Tendenzen der nationalen Einigung Italiens vorwegnehmen. Aber selbst mitten in der polit. Herausforderungdes Risorgimento wahrte M. überlegene Distanz. Nach der Überwindung der jugendlichen Krisen verlief sein Leben in geordneten Bahnen. Seine literar. Autorität wirkte sich auf jene Strömung des italien. Schrifttums aus, die sich als Manzonismo durchsetzte. Diese Haltung verwirklichte das formale und gehaltliche Streben nach einer, allen sozialen Schichten zugänglichen, italien. sprachlichen Gemeinsamkeit.

W.: A. M. Opere, hrsg. von M. Barbi und F. Ghisalberti, 3 Bde., 1942–50; A. M. Opere, bisher 3 Bde., 1954 ff.; A. M. Tutte le Opere, hrsg. von A. Chiari und F. Ghisalberti, in: Classici Mondadori, bisher 4 Bde., 1957 ff. Dt.: Werke, 5 Bde., hrsg. von H. Bahr und E. Kamnitzer, 1923–27.
L.: A. Premoli, Vita di A.M., 2. Aufl. 1928; R. Braccesi, Introduzione allo studio del M., 1949; B. Croce, A. M. Saggi e discussioni, 4. Aufl. 1952; L. Tonelli, M., 3. Aufl. 1953; C. Angelini, M., Neuaufl. 1953; F. Piemontese, M., 1953; A. Momigliano, A. M., 5. Aufl., 1958; A. Galletti, M., 3. Aufl. 1958; F. De Sanctis, A. M., hrsg. von L. Blasucci, 2. Aufl. 1962; A. Galletti, M. e il manzonismo, in: Problemi e orientamenti critici 3, 1963; G. Alberti, A. M. Introduzione alla sua vita e alle sue opere, 1964; G. Getto, M. europeo, 1971; G. Petrocchi, M. Letteratura e vita, 1971; M. Puppo, M., in: M. P., Manuale critico-bibliografico per lo studio della letteratura italiana, 10. Aufl. 1972, S. 361 ff.; M. Sansone, L’opera poetica di A. M., 1947; L. Caretti, M. e la critica, 1969; T. Gallarati Scotti, La giovinezza del M., 1969; G. Petrocchi–P. Giannantonio, Questioni di critica manzoniana, 1970; Grande dizionario enciclopedico, 3. Aufl., Bd. 11, 1969; Wurzbach; Enc. It.; M. Parenti, Bibliografia delle edizioni a stampa delle lettere di A. M., 1944.
(E. Kanduth)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 26, 1973), S. 64f.
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