Marschall, Godfried (1840-1911), Bischof und Generalvikar

Marschall Godfried, Bischof und Generalvikar. * Neudorf b. Staatz (NÖ), 1. 10. 1840; † Wien, 23. 3. 1911. Stud. an der Univ. Wien kath. Theol., 1864 Priesterweihe, 1864–66 setzte er seine Stud. in Rom fort, Dr. jur. can. und Dr. theol. 1866–70 Kooperator in St. Elisabeth, Wien IV. M. wurde 1870 Religionslehrer der Söhne Erzh. Karl Ludwigs (s. d.), Otto, Ferdinand Karl und des späteren Thronfolgers Franz Ferdinand (s. d.) und Hofkaplan, 1880 Kanonikus von St. Stephan und 1. Propst der Votivkirche. 1901 Titularbischof von Orthosia (Syrien), Weihbischof von Wien, 1902 Präses des fürsterzbischöflichen Ehe- und Diözesangerichtes, 1905 Gen.Vikar der Erzdiözese Wien und Dompropst. Er bemühte sich um die Erbauung von Notkirchen, die durch die starke Bevölkerungszunahme Wiens notwendig wurden (wie in Wien XII. und XX.), förderte die Mariazeller Männerwallfahrten unter P. Abel (s. d.), führte die bischöflichen Visitationen durch und galt allg. als künftiger Nachfolger Kardinal Gruschas (s. d.). Als jedoch 1910 der Bischof von Triest, F. Nagl, zum Koadjutor Gruschas cum iure successionis ernannt wurde, legte M. seine Ämter nieder. Die Gründe für die Zurücksetzung M.s sind neben seinem Alter möglicherweise sein Versuch, Erzh. Franz Ferdinand von der morganat. Ehe mit Sophie Gfn. Chotek (s. d.) abzuhalten sowie seine Haltung in der Wahrmund-Affäre. M., vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1878 Msgr., 1880 päpstlicher Hausprälat, 1884 apostol. Protonotar, 1887 Religionsinspektor der Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen, Vizepräs. der Poliklinik, ein Freund Luegers (s. d.) und P. Abels, war als „Salonprälat“ beim Adel genau so beliebt wie beim Volk.

L.: G. M., Vom hohen Norden. Aus meinem Tagebuche (Reiseerinnerungen), 1877; RP und N. Fr. Pr. vom 23. 3., AZ und Kronenztg. vom 24. 3. 1911; Korrespondenzbl. des kath. Klerus, 1911; J. Scheicher, Interessantes Priesterleben, 1932; H. Kutschera, Weihbischof Dr. G. M., phil. Diss. Wien, 1957; Biograph. Album für den österr. kath. Klerus, 1911; Kosch, Das kath. Deutschland; Biograph. Jb., 1914; J. Fried, Das Wr. Domkapitel, phil. Diss. Wien, 1952; J. Grippel, Geschichte des f. e. Knabenseminars der Erzdiözese Wien zu Oberhollabrunn, 1906; J. Redlich, Franz Joseph, 1928; Th. v. Sosnosky, Franz Ferdinand, 1929; R. Kuppe, Bürgermeister Lueger und seine Zeit, 1933; J. Ch. Allmayer-Beck, Franz Ferdinand und Baron M. Wl. Beck, phil. Diss. Wien, 1948; P. A. Walz, A. Kardinal Frühwirth, 1950; F. Loidl, Weihbischof J. Schneider, 1951; F. Funder, Vom Gestern ins Heute, 1953; R. Kiszling, Erzh. Franz Ferdinand v. Österr.-Este, 1953; Schicksalsjahre Österr. Das polit. Tagebuch J. Redlichs, hrsg. von F. Fellner, 2 Bde., in: Veröff. der Komm. für neuere Geschichte Österr., Bd. 39–40, 1953–54; Tagebuch von M. Wl. v. Beck, Manuskript, Privatbesitz J. Ch. Allmayer-Beck, Wien; Tagebuchartige Aufzeichnungen von M.s Kammerdiener J. Riederer, Manuskript, Gaweinstal, NÖ; Wr. Diözesanarchiv, Österr. Staatsarchiv, beide Wien; Archiv der Stadt Wien; Stiftsarchiv, Klosterneuburg; Mitt. F. Loidl und H. Kutschera, beide Wien.
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PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 27, 1974), S. 109f.
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