Masaryk, Thomas (Garrigue) (1850-1937), Philosoph, Soziologe und Staatsmann

Masaryk Thomas (Garrigue), Philosoph, Soziologe und Staatsmann. * Göding (Hodonín, Mähren), 7. 3. 1850; † Schloß Lana b. Prag, 14. 9. 1937. Sohn eines Kutschers slowak. und einer Köchin dt. Abstammung; erlernte anfangs das Schmiedehandwerk. Nach Besuch der Gymn. in Brünn und Wien stud. er an der Univ. Wien ab 1872 klass. und moderne Sprachen, wandte sich aber schon 1873 ganz der Phil. zu (1876 Dr.phil.), wobei Brentano (s. d.) und 1876/77 Husserl (s. d.) in Leipzig stark auf ihn einwirkten. Ohne ein philosoph. System zu entwickeln, versuchte er in seinen Lehren und Schriften, eine Synthese zwischen dt. Idealismus und westeurop. Positivismus herzustellen. 1879 habil. sich M. an der Univ. Wien für Phil. und wurde 1882 ao. Prof. der Phil. und Soziol. an der neugegründeten Tschech. Univ. in Prag. M., ab 1878 mit der Amerikanerin Ch. Garrigue vermählt, zeigte sich westlichen Strömungen in Soziol. und Politik sehr aufgeschlossen, die Verwirklichung der Demokratie erschien ihm als eth. und polit. Aufgabe. Gegen das Nachwirken romant. Strömungen im Tschechentum nahm er, besonders im Streit um die Königinhofer Handschrift, in den von ihm hrsg. Z. „Athenäum“ und „Čas“ (Die Zeit) offen Stellung. 1891 wurde er als Vertreter der Jungtschechen in den Reichsrat und in den böhm. Landtag gewählt, legte aber 1893 sein Mandat nieder. Erst 1907 kehrte er als Mitgl. der Realistenpartei in das Abgeordnetenhaus zurück. M., ab 1897 o. Prof., widmete sich neben seiner Lehrtätigkeit der staatspolit. Erziehung der Tschechen, für die er eine nationale Wiedergeburt anstrebte. Auch sonst griff er in Wort und Schrift vielfach Fragen des öff. Lebens (Ritualmordprozeß von Polna, Wahrmund-Affäre) und Fragen der Außenpolitik (Agramer Prozeß, Friedjung-Prozeß) auf. Dem Panslawismus und auch dem Marxismus stand er im Grunde ablehnend gegenüber, 1880 trat er vom Katholizismus zum Protestantismus über und nahm schließlich eine freireligiöse Haltung ein. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, dessen Ausgang er vorausgesehen hatte, stellte er sich, zum Unterschied von Kramář (s. d.), ganz auf eine westliche Orientierung ein, ging deshalb in die Emigration nach England und in die USA und arbeitete dort an der Vorbereitung einer nationalen Revolution der Tschechen, die im Rahmen einer demokrat. Neugestaltung Europas erfolgen sollte. Es gelang ihm dabei, die Slowaken für den Gedanken eines gem. tschechoslowak. Staates zu gewinnen, der aus den Trümmern der Österr.-ung. Monarchie aufgebaut werden sollte (Pittsburger Vertrag 1917). Trotzdem arbeitete M. auch an der Aufstellung der tschech. Legionen in Rußland mit, kehrte aber bald wieder in den Westen zurück. Durch Einwirkung auf Präs. Wilson erreichte M. 1918 die Anerkennung einer tschechoslowak. Exilregierung, an deren Spitze er trat. Nach Kriegsende kehrte er als „Präsident-Befreier“ nach Prag zurück, wo er 1918, 1920, 1927 und 1934 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde. 1935 legte er dieses Amt aus Altersgründen zurück. In seiner Person war die tschechoslowak. Staatsideol. der Zwischenkriegszeit verkörpert.

W.: Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation, 1881; Česká otázka (Die tschech. Frage), 1895, 3. Aufl. 1924; Die phil. und sociolog. Grundlagen des Marxismus, 1899, Neuaufl. 1964; Zur russ. Geschichts- und Religionsphil., 2 Bde., in: Th. G. M., Rußland und Europa, F. 1, Bd. 1–2, 1913, Neuaufl. 1965; Die Weltrevolution, 1925, Neuaufl. 1927; Ideale der Humanität, 1935; etc.
L.: Hist. Jb. 53, 1933, S. 429 ff.; Berliner Monatshe. 15, 1937, S. 1000 ff.; Journal of Central European Affairs 10, 1950, S. 1 ff.; Bohemia 4, 1963, S. 174 ff.; Th. G. M. zum 80. Geburtstag, Tl. 2, in: Der russ. Gedanke, Erg.Bd. 2, 1930 (mit Bibliographie); Z. Nejedlý, T. G. M., 5 Bde., 1930–37; A. Werner, M., Bild seines Lebens, 1934; J. Hofbauer, der große alte Mann, 1938; J. Križek, T. G. M. a česká politika (Th. G. M. und die tschech Politik), 1959; M. Machovec, Th. G. M., 1969; R. W. Seton Watson, M. in England, 1943; St. Schwarz, Th. G. M., der Staatsgründer, Wiss. und Wahrheitssucher in seiner Einstellung zum Judentum, 1949; R. Birley, Th. M., 1951; Dokumenty o protilidové a protinárodní politice T. G. M. (Dokumente zu Th. G. M.s antivölk. und antinationaler Politik), red. von F. Nećásek, J. Pachta und E. Raisová, 1953; A. Fried, M.s erste Tätigkeitsperiode im Wr. Parlament, phil. Diss. Wien, 1954; T. Syllaba, T. G. M. a revoluce v Rusku (Th. G. M. und die Revolution in Rußland), 1959; G. Zarnow, M.–Benesch, 1939; K. Gaian, M., Kramař und Beneš, in: Versailles, St. Germain, Trianon, 1971, S. 25 ff.; Viator Secundus (Baeran), Briefe an M., 1933; W. Kosch, Biograph. Staatshdb. 2, 1963; Eisler; Enc. Fil.; Ziegenfuß; Masaryk; Otto, 16, 28, Erg.Bd. IV/1; Příruční slovník naučný; W. Jaksch, Europas Weg nach Potsdam, 1958.
(W. Goldinger)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 27, 1974), S. 123f.
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