Mauthner, Fritz (1849-1923), Journalist, Schriftsteller und Philosoph

Mauthner Fritz, Journalist, Schriftsteller und Philosoph. * Hořitz b. Königgrätz (Hořice, Böhmen), 22. 11. 1849; † Meersburg (Baden-Württemberg), 28. 6. 1923. M., dessen Vater eine mechan. Weberei in Hořitz besaß, verbrachte seine Jugend in Prag, wo er 1869–73 Jus stud., daneben aber auch Vorlesungen aus Phil., Archäol., Kunstgeschichte, Theol. und Med. hörte. Nach dem Tode des Vaters wandte sich M. ausschließlich seinen literar. Neigungen zu und war als Schriftsteller — vorerst als Verfasser von Sonetten und Dramen – und als Journalist, vor allem Theaterkritiker, in Prag und ab 1876 in Berlin tätig. M., der auch selbst verschiedene Z. hrsg. (1889/90 „Deutschland“, eine Ws. für Kunst, Literatur etc., ab 1891 Mithrsg. des „Magazins für die Literatur des In- und Auslandes“ und des „Schorerschen Familienblattes“), zählte zu den Mitbegründern und Mitarbeitern der Berliner „Freien Bühne“ (1889). 1891 korr. Mitgl. der Dt. Ges. der Wiss. und Künste in Prag. Ab 1905 lebte M. als freier Schriftsteller in Freiburg i. Br., ab 1909 in Meersburg am Bodensee. 1919 Ehrenbürger von Meersburg. Wurde M. zu Beginn seiner schriftsteller. Laufbahn durch seine außerordentliches Sprachgefühl verratende Parodiensmlg. „Nach berühmten Mustern“ schlagartig bekannt, suchte er in der Folge – obwohl er sich auch weiterhin u. a. in seinen Romanen, Erzählungen, Parabeln, Zeitungsaufsätzen und Feuilletons, die z. Tl. in eigenen Smlg. erschienen, häufig der Stilmittel von Parodie, Satire, auch Travestie bediente – vor der Festlegung als Parodist und Satiriker in den realist. tw. bereits naturalist. Roman und die Erzählung auszuweichen. Die Stoffe und Problemkreise für seine ep. Dichtungen entnahm M. neben der Geschichte, der er einen aktuellen Bezug zur Gegenwart gab, in erster Linie dem Großstadt- und Grenzlandmilieu, womit er z. Tl. bahnbrechend wurde, formal jedoch blieb er mit wenigen Ausnahmen, etwa den Erzählungen „Vom armen Franischko“ oder der späteren philosoph. Dichtung „Der letzte Tod des Gautama Buddha“, zumeist einem Klischee, häufig einer starken Schwarz-Weiß-Technik, auch der Gefahr des Konstruierens verhaftet. Skept. und krit. Einstellung kennzeichnen sehr häufig sowohl den Gehalt von M.s belletrist. Werken, als auch in noch stärkerem Maße seiner philosoph. Schriften, besonders was seine Sprachphil. und -kritik betrifft. Die sprachphilosoph. Gedankengänge, die aus frühen Kindheitseindrücken von der Nähe der Sprachgrenze bzw. im Sprachenkonglomerat Prag (Dt., Tschechen, Juden) und aus der spezif. Anregung durch O. Ludwig, Nietzsche, Bismarck und E. Mach (s. d.) erwachsen, beschäftigen den Autodidakten M. ab 1873 bis zu seinem Tod und lassen ihn die Sprache als ein unvollkommenes Werkzeug des Denkens, Erkennens, Beschreibens und Erklärens herausstellen. M. gab auch die R. „Bibliothek der Philosophen“ heraus, in der er selbst einige Bde. veröff.

W.: Nach berühmten Mustern, 2 F., Gesamtausgabe 1897; Vom armen Franischko, 1.–3. Aufl. 1880, Neuaufl., 1915; Die Sonntage der Baronin, 1881, 3. Aufl. 1884; Der neue Ahasver, 1.–2. Aufl., 2 Bde., 1882, Neuaufl. 1886; Xanthippe, 1884, Neuaufl. 1919; Credo. Ges. Aufsätze, 1886; Berlin W (Tril.), 1886–92, 5. Aufl. 1892–99; Der letzte Dt. v. Blatna, 1887, Neuaufl. 1913; Hypatia, 2. Aufl. 1892; Kraft, 2 Bde., 1894, Neuaufl. 1920; Die böhm. Hs., 1897, Neuaufl., 1916; Beitrr. zu einer Kritik der Sprache, 3 Bde., 1901–02, 3. Aufl. 1923; Aristoteles, in: Die Literatur, Bd. 2, 1904, engl. 1907; Totengespräche, 1.–2. Aufl. 1906; Wörterbuch der Phil., 2 Bde., 1910, 2. Aufl., 3 Bde., 1923–1924; Der letzte Tod des Gautama Buddha, 1.–2. Aufl. 1913, Neuaufl. 1921; Gespräche im Himmel und andere Ketzereien, 1914; Muttersprache und Vaterland, 1920; Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, 4 Bde., 1920–23; Die drei Bilder der Welt, hrsg. von M. Jacobs, 1925; Schauspiele; etc. Ausgewählte Schriften, 6 Bde., 1919.
L.: F. M., Erinnerungen, 1918, Neuaufl.: Prager Jugendjahre, 1969; F. M., in: Die Phil. der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hrsg. von R. Schmidt, Bd. 3, 1922, S. 121 ff.; N. Fr. Pr. vom 22. 11. 1909 und 30. 6. 1926; Dt. Arbeit, Jg. 9, 1909/10, S. 111 ff.; Das Bodenseebuch des Jahres 1925, S. 100 f.; Publications of the Leo Baeck Institute. Year Book 8, 1963, S. 136 ff.; Th. Kappstein, F. M., der Mann und sein Werk, 1926; R. Schott, F. M., phil. Diss. Wien, 1933; A. Kühtmann, Zur Geschichte des Terminismus, in: Abhh. zur Phil. und ihrer Geschichte, hrsg. von R. Falckenberg, H. 20, 1911; M. Krieg, F. M.s Kritik der Sprache, 1914; W. Eisen, F. M.s Kritik der Sprache, 1929; G. Weiler, M.s Critique of Language, 1970; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 3, 4, s. Reg.; Enc. Fil.; Ziegenfuß; S. Meisels, Judenköpfe, 1926, S. 158 ff.; Enc. Jud.; N. Österr. Biogr., Bd. 3, 1926, S. 144 ff.; Biograph. Jb., 1930; G. Landauer, Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluß an M.s Sprachkritik, 1903, 2. Aufl. 1923; Mitt. K. Wolf, Wien.
(E. Lebensaft)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 27, 1974), S. 160f.
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