Mautner, Isidor (1852–1930), Großindustrieller

Mautner Isidor, Großindustrieller. Geb. Nachod, Böhmen (Náchod, CZ), 7. 10. 1852; gest. Wien, 13. 4. 1930; mos. Sohn von →Isaac (Isaak) Mautner, Vater von →Konrad Mautner und →Stephan (Stefan) Mautner, →Katharina (Käthy) Breuer, geb. Mautner, und Marie Kalbeck, geb. Mautner (geb. 25. 4. 1886; gest. Wien, 27. 12. 1972); ab 1876 verheiratet mit Jenny Mautner, geb. Neumann (geb. Wien, 3. 5. 1856; gest. ebd., 9. 4. 1938), der Tochter des Seidenhändlers David Neuman und seiner Frau Helene sowie Schwester von Marianne Neumann, verheiratete Benedict, und Bertha Neumann, verheiratete Wärndorfer. – M. trat 1867 in das Unternehmen seines Vaters ein, sanierte 1873 dessen Wiener Handelsniederlassung und wurde 1874 Gesellschafter der Firma Isaac Mautner & Sohn. Daneben baute M. ein eigenes Textilimperium auf: 1878 gründete er in Wien die Baumwoll- und Leinenlieferungs-Gesellschaft für die k. k. Landwehr. Gemeinsam mit den Schwägern seiner Frau Samuel Wärndorfer und Moriz Benedict eröffnete er 1882 in Nachod die Baumwollspinnerei Wärndorfer-Benedict-Mautner, die er ab 1907 allein führte. 1894 gründete er die Ungarische Textilindustrie AG (Magyar Textilipar r. t.) mit Sitz in Rosenberg, wo die größte Industrieanlage Österreich-Ungarns mit zahlreichen Textilbetrieben und vorbildlichen sozialen Einrichtungen entstand. 1900 erfolgte nach dem Erwerb der entsprechenden Lizenzen in den USA die Gründung einer AG zur Herstellung von Northrop-Webmaschinen mit Werken in Pest und Rosenberg. Nach dem Tod seines Vaters wandelte M. Anfang 1906 das väterliche Unternehmen in eine AG um und erweiterte es um vier Webereien in Böhmen. 1911 erwarb er ein Textilunternehmen im niederschlesischen Langenbielau, das er 1915 mit einer Baumwollspinnerei in Plauen zu den Deutschen Textilwerken Mautner AG fusionierte. Im 1. Weltkrieg übernahm M. 1916 die Vereinigte Österreichische Textilindustrie AG, zu der Spinnereien in Böhmen, Niederösterreich, Krain und dem Küstenland gehörten und die durch den Ausfall der an der Isonzofront gelegenen Werke in Schwierigkeiten geraten war. Im selben Jahr fügte M. seinem Konzern die Fried. Mattausch & Sohn AG in Franzenthal an der Polzen in Nordböhmen, in Niederösterreich die Pottendorfer Baumwollspinnerei und Zwirnerei AG sowie 1917 die Felixdorfer Weberei und Appretur AG hinzu. Nachdem die Seeblockade der Entente den Baumwollimport fast gänzlich gestoppt hatte, ließ er die Produktion auf Papiertextilien umstellen. Zur Herstellung des erforderlichen Spinnpapiers wurden 1916 und 1917 Papierfabriken im niederschlesischen Priebus, in Pöls in der Steiermark und in Rosenberg angekauft. Dem Ziel der Autarkie diente auch der Erwerb einer Webmaschinenfabrik in Sandau 1916 und die Übernahme einer Streichgarn- und Vigognespinnerei in Friedland in Nordböhmen 1917. Gegen Kriegsende zählte M.s Unternehmen mit 42 Fabriken und ca. 23.000 Mitarbeitern zu den größten Textilkonzernen des Kontinents. Nach dem Krieg führte der Zerfall der Monarchie zu einer Neuorganisation des Konzerns. Das Stammunternehmen wurde in Textilwerke Mautner AG umbenannt und 1920 der Sitz von Wien nach Prag verlegt. Die in Österreich gelegenen Betriebe wurden der Vereinigten Österreichischen Textilindustrie zugeordnet; jene in Krain bildeten 1923 die Jugoslavischen Textilwerke Mautner AG (Jugoslovenske tekstilne tvornice Mautner d.d.). Der schwieriger werdenden Marktsituation versuchte M. durch Investitionen in neue Standorte zu begegnen: So wurden 1923 die N. V. Vereenigde Textiel Maatschappijen Mautner in Amsterdam und 1924 die Belgrader Textilwerke AG gegründet, 1925 die Textilfabrik Trumau-Marienthal und 1926 eine Tuchfabrik im ungarischen Újpest erworben. Zugleich spitzte sich M.s finanzielle Situation zu. Als Hauptaktionär der von seinem Sohn Stephan geleiteten und 1924 von Insolvenz bedrohten Neuen Wiener Bankgesellschaft verpfändete er als Sicherheit seinen Immobilienbesitz bei der Nationalbank, was den Zusammenbruch der Bank aber nur hinauszögerte. Sein Vermögen war damit weitgehend verloren. 1928 trat M., der 1927 noch Präsident von elf Aktiengesellschaften war, von fast allen Leitungsfunktionen in seinem hoch verschuldeten Konzern zurück, der ein Jahr später zusammenbrach. M. wurde 1895 Kommerzialrat und war Vorstandsmitglied des Schiedsgerichts der Bremer Baumwollbörse. Der Familiensitz, das Geymüller-Schlössel in Wien 18, war über 40 Jahre lang Treffpunkt berühmter Künstler. M. galt als ein bedeutender Förderer des Wiener Theaterlebens. Er war mit dem Burgschauspieler →Josef Kainz befreundet, unterstützte →Max Reinhardt finanziell und war 1924–28 Präsident der Wiener Schauspielhaus AG. Er leistete zudem mit dem Mautner-Fonds einen beispielhaften Beitrag zur sozialen Absicherung seiner Arbeiter und bewies sein soziales Engagement auch mit der Stiftung eines Waisenhauses in Dornbach (Wien 17). M. war Ritter des Ordens der Eisernen Krone III. Klasse (1900) und Komtur des Franz Joseph-Ordens (1908).

L.: NFP, Prager Tagblatt, 15. 4. 1930 (Parten); NDB; Ungarische Textilindustrie Actiengesellschaft in Rószahegy-Fonogyar. Geschichte ihrer Gründung und Entwicklung, (1917), passim (mit Bild); Prager Börsen-Courier 6, 1930, S. 338f.; Der deutsche Volkswirt 4, 1930, S. 107ff.; R. J. B. Kinnen, Die Entwicklung der Banken in Österreich von 1919 bis 1929, wirtschaftswiss. DA Wien, 1979, passim; Siebenter Restitutionsbericht des amtsführenden Stadtrates für Kultur und Wissenschaft über die … Übereignung von Kunst- und Kulturgegenständen …, 2006, S. 102ff.; R. Müller, Marienthal: das Dorf – die Arbeitslosen – die Studie, 2008, S. 142ff.; W. Hafer, Die anderen Mautners, 2014, s. Reg. (mit Bild); IKG, Wien.
(W. Hafer)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 27, 1974), S. 164f.
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Medien
M., um 1917
Jenny und Isidor M. bei ihrer Verlobung, 1876
Rosenberger Fabriken
Geyrmüllerschlössel