Meinong von Handschuchsheim, Alexius (1853-1920), Philosoph

Meinong von Handschuchsheim Alexius, Philosoph. * Lemberg, 17. 7. 1853; † Graz, 27. 11. 1920. Bruder des Folgenden; stud. an der Univ. Wien bei Brentano (s. d.), Habil. 1878 mit den Hume-Stud. I, ab 1882 war er ao. Prof. der Phil. und Psychol., 1889 o. Prof. an der Univ. Graz. 1894 erfolgte die Gründung des ersten österr. experimentalpsycholog. Inst. 1914 w. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien. M. begründete die „Gegenstandstheorie“, die den Brentanoschen Gedanken von der Intentionalität psych. Phänomene ausbaute. Die verschiedenen Bewußtseinsphänomene sind auf objektive Gegebenheiten bezogen (erzeugen sie nicht im idealist. Sinne): Wahrnehmungsvorstellungen auf reale Objekte der Gegenwart, Erinnerungsvorstellungen auf solche der Vergangenheit, Phantasievorstellungen auf irreale Objekte, die für die Zukunftsgestaltung und für die Kunst von besonderer Bedeutung sind; den Urteilen entsprechen als Gegenstände objektive Sachverhalte, „Objektive“. Neben den Urteilen, die durch ihren Überzeugungscharakter gekennzeichnet sind, gibt es auch Phantasieurteile, Annahmen; darüber schrieb M. das vieldiskutierte Werk „Über Annahmen“. Auch den Annahmen entsprechen Objektive besonderer, nicht realitätsbezogener Art. Über den kognitiven Bereich hinaus kennt M. noch „Eigengegenstände“ des Fühlens: „Dignitative“, und des Begehrens: „Desiderative“. Dignitative und Desiderative sind (gegenwärtige und zukünftige) Werte. Innerhalb der Objekte gibt es die „Gegenstände höherer Ordnung“, „die auf andere Gegenstände aufgebaut sind“, die Relationen (z. B. Verschiedenheit, Verwandtschaft, Ähnlichkeit) und die Komplexe (Melodien, Gruppen verschiedener Art). Hier knüpfte M. an die „Gestaltqualitäten“ seines Schülers Ehrenfels (s. d.) an. Die verschiedenen Gegenstandsklassen können auch nach ihrer Seinsart unterschieden werden. Realen Dingen eignet „Existenz“, ideale Gegenstände, z. B. der Sachverhalt „zwei mal zwei ist vier“, haben „Bestand“, „unmögliche Gegenstände“, z. B. das vielbespöttelte „hölzerne Eisen“, das „runde Viereck“, die „immer noch einen Rest von Positionscharakter haben“, besitzen die Seinsart „Außersein“. Die allg. Gegenstandstheorie untersucht die Natur des Gegenstandes an sich und das Wesen einzelner Gegenstandsklassen, während spezielle Gegenstandstheorien jeder Einzelwiss. einen gegenstandstheoret. Tl. voranstellen, der z. B. für die Mathematik das Wesen der Zahl oder für die Literaturwiss. das Wesen des literar. Kunstwerks analysiert. Hier zeigte sich Verwandtschaft zu Husserls (s. d.) Phänomenol., wenn man von deren idealist. Ansatz absieht. M. leistete auch zur Erkenntnistheorie Beitrr., in welchen er einen krit. Realismus vertrat, besonders aber zur Werttheorie, in der M. zwischen „persönlichem“ und „unpersönlichem“ Wert unterschied. Es wird kein Dualismus von Wert und Wirklichkeit vertreten, Werte positiver wie negativer Art sind „emotional präsentierte“ Qualitäten des Wirklichen. Bedeutende Schüler M.s sind Ehrenfels (s. d.), A. Höfler (s. d.), E. Martinak (s. d.), Weinhandl, F. Weber und sein Grazer Nachfolger Mally (s. d.).

W.: Über Annahmen, 1902, 2. Aufl. 1910; etc. Gesamtausgabe, hrsg. von R. Haller und R. Kindinger, 1968 ff.; Philosophenbriefe, hrsg. von R. Kindinger, 1965.
L.: Almanach Wien, 1921; M.-Gedenkschrift, 1952; H. Nowotny, Die log. Theorien A. M.s. . ., phil. Diss. Wien, 1933; J. N. Findlay, M.s Theories of Objects and Values, 2. Aufl. 1963; Jenseits von Sein und Nichtsein. Beitrr. zur M.-Forschung, hrsg. von R. Haller, 1972; Vom Gegenstand zum Sein. Von M. zu Weber, hrsg. von R. Trofenik, 1972; Eisler; Enc. Fil.; Ziegenfuß; N. Österr. Biogr., Bd. 8, 1935, S. 90 ff.; Wer ist’s? 1905–14; R. M. Chisholm, Realism and the Background of Phenomenol., 1959; K. Wolf, Die Grazer Schule, in: Phil. in Österr., 1968; E. Mally, Log. Schriften, hrsg. von K. Wolf und P. Weingartner, 1971.
(K. Wolf)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 28, 1974), S. 197f.
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