Mestrozi, Paul (1771-1858), Fabrikant

Mestrozi Paul, Fabrikant. * Wien, 6. 9. 1771; † Wien, 11. 12. 1858. Großvater des Folgenden; entstammte einer Görzer Seidenweberfamilie. Sohn Josef M.s (* Görz, 28. 3. 1742; † Wien, 14. 3. 1790), der ab 1765 in Wien tätig war und ab 1777 mit wechselndem Erfolg eine kleine Seidenzeugfabrik betrieb. M. und sein Bruder, Vital M. (1774–1823), verlegten den Betrieb nach Wien-Landstraße, 1796 nach Wien-Schottenfeld. 1798 wurde ihnen die Fabriksbefugnis erteilt. Die Ausbildung von M.s Zeichentalent an der Privatschule von F. Grabner, Dir. der Manufakturzeichnungsklasse an der Akad. der bildenden Künste, trug wesentlich zum steilen Aufstieg des Unternehmens bei. 1803 beschäftigten die Brüder auf 37 Stühlen ca. 200 Arbeiter, ihre Miniatursamt- und Seidenstoffe aller Gattungen wurden bereits damals französ. Erzeugnissen vorgezogen. Während der Franzosenkriege arbeitete M. auf Vorrat und konnte so beträchtliche Gewinne erzielen. 1806 erhielt die Fa. unter der Bezeichnung „Gebrüder Mestrozi“ das Landesprivileg. Auch die folgenden Jahre standen im Zeichen reger Expansionstätigkeit. Vital M. unternahm zur Exportförderung eine Werbereise nach OÖ, Salzburg, Bayern und Italien; 1811 wandte man sich auch der Erzeugung von Lyoner Stoffen zu. Der Gesamtwert der Fabriksprodukte stieg in diesem Jahr auf 1,5 Millionen fl. M. war auch ständig um die Entwicklung techn. Verbesserungen bemüht: 1814/15 Verwendung von Platinnadeln zur Herstellung weißer Samte, 1815–17 Bau der „Dessein-Maschine“ (ähnlich dem Jacquard-Webstuhl) zur Fertigung reicher Muster, ab 1816 Latz- und Dessins-Anschlag-Maschine, 1818 Chinierungsmethode zur Herstellung „geflammter“ Stoffe und ganzer Gemälde. Zahlreiche Lieferungen an das Kaiserhaus und die Hocharistokratie sowie Exportaufträge vornehmlich nach England, Polen und Rußland sicherten dem damals rund 600 Arbeiter beschäftigenden Unternehmen 1818 zwei Millionen fl Umsatz. Die Verschlechterung seines Gesundheitszustandes sowie der Tod seines Bruders Vital bewogen M. ab 1823 zum Verkauf der Fabrik. Als Schätzmeister mehrerer Behörden und Gremien blieb er auch weiterhin tätig (1811 k. k. niederösterr. Merkantil- und Wechselgericht, 1812 Gremium der Seidenzeugfabrikanten und Metropolitankapitel, 1813 Stiftgericht Schotten). 1824–26 legte er seine umfangreiche, ca. 8000 Muster umfassende Stoffsmlg. an, welche 1867 in den Besitz des heutigen Mus. für angewandte Kunst überging. Seine Kenntnisse und finanziellen Mittel ermöglichten M. in den 30er Jahren auch noch die Förderung der Spitzenfabrik seines Schwiegersohnes L. Damböck (s. d.).

L.: P.M., Die wichtigsten Momente meines Lebens, 1839, Manuskript, Mus. für angewandte Kunst, Wien; Archiv für Geographie und Statistik, 1804, S. 233 ff.; St. v. Kees, Darstellung des Fabriks- und Gewerbswesens im Österr. Kaiserstaate, Bd. 2/1, 1820; F. Bujatti, Die Geschichte der Seiden-Industrie Österr., 1893; H. Deutsch, Die Entwicklung der Seidenindustrie in Österr. 1660–1840, 1909; M. Dreger, Beginn und Blüte der Wr. Seidenweberei, in: Kunst und Kunsthandwerk 18, 1915, S. 325 ff.; F. Mühleder, Die Schottenfelder Seidenindustrie 1820–50, phil. Diss. Wien, 1952; M. Bucek, Geschichte der Seidenfabrikanten Wiens im 18. Jh. (1710–92), phil. Diss. Wien, 1968.
(H. Stekl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 28, 1974), S. 245
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