Miesbach, Alois (1791-1857), Industrieller

Miesbach Alois, Industrieller. * Röschitz (Rešice, Mähren), 1. 1. 1791; † Baden (NÖ), 3. 10. 1857. Nach Stud. der Ökonomie sowie im Ing.- und Baufach trat er als Wirtschaftsbeamter in den Dienst des Fürsten Kaunitz-Rietberg-Questenberg und begleitete diesen auf Gesandtschaftsreisen nach Madrid (1816) und Rom (1817–19), wo er sich eingehende Kenntnisse über die Technik der gebrannten antiken Bausteine verschaffte. Für seine Publ. über Wirtschaftsfragen wurde M. 1815 korr. Mitgl. der Ackerbauges. in Paris sowie der Pariser Ges. zur Förderung der Nationalindustrie. 1820 ging M. nach Wien und pachtete die 1775 gegründete Ziegelei auf dem Wienerberg (Jahresproduktion 1,5 Millionen Ziegel), welche durch die Nähe reicher Rohstofflager und des wachsenden Absatzmarktes der Residenz einen überaus günstigen Standort hatte. Mit dem Bau eines eigenen Ziegelwerkes auf den benachbarten Gründen in Meidling (1823) sowie dem Kauf der Herrschaft Inzersdorf und des Gutes Steinhof (1826 bzw. 1830) begann M. mit dem Ausbau eines rationell eingerichteten Großbetriebes. Zahlreiche Versuche ermöglichten die Konstruktion von Brennöfen mit Kohleförderung, wodurch man bei der herrschenden Holzknappheit beträchtliche Kostenersparnisse sowie durch ein besseres Ausbrennen der Ziegel wesentliche Qualitätsverbesserungen erzielte. Auch das Warensortiment wurde laufend erweitert: ab 1845 Erzeugung von Wasser- und Drainageröhren, 1850 Errichtung einer Terrakottafabrik in Inzersdorf (200 Beschäftigte, Wert der Jahresproduktion 600.000 fl), 1856 Produktion von Hohlziegeln für Unterbau. Durch den Ankauf weiterer Ziegeleien wurde das Unternehmen ständig vergrößert: 1846–57 Werk und Gründe in Biedermannsdorf, 1847 Vösendorf, 1850–57 Laaerberg, 1852 Guntramsdorf (Unterpacht ab 1834), vor 1855 Stammersdorf und Zillingdorf. Nach der Überschwemmungskatastrophe von 1838 errichtete M. eine Ziegelfabrik am Rákos b. Pest (Vergrößerung bis 1856) und 1853 ein Werk in Ofen. 1855 besaß M. neun Großziegeleien mit einer Jahresproduktion von ca. 126 Millionen Ziegel und einem Beschäftigtenstand von 4.700. Das Problem der Brennstoffbeschaffung suchte M. durch Ankauf bzw. Erschließung von Kohlenbergwerken zu lösen. NÖ: 1830 Zillingdorf und Lichtenwörth, 1837 Grünbach, 1837 Grillenberg b. Pottenstein, 1840 Gloggnitz etc.; OÖ: ab 1839 Schürfungen im Hausruck- und Innviertel; Stmk.: 1839 Parschlung, 1840 Seegraben b. Leoben; Mähren: 1844 Neudorf, Luschitz; Krain: 1852 Reichenburg a. d. Save; Ungarn: 1840 Gruben um Gran; Böhmen: 1841 Pilsen; Galizien: bis 1846 Trzebinia. Die Kohleförderung wurde erstmals in der Monarchie mit Hilfe von Dampfkraft durchgeführt und diente zur Deckung des Energiebedarfs der Umgebung sowie zur Brennstoffversorgung von Wien. 1847 pachtete M. für Kohlentransporte den Wr. Neustädter Kanal. 1855 beschäftigte er in seinen 30 Bergbauen ca. 2.350 Bergleute, die jährlich etwa 200.000 t Kohle sowie als Nebenprodukt Alaun förderten. Damit galt er nicht nur als der größte Ziegelproduzent Europas, sondern auch als der bedeutendste Kohlenproduzent Österr. M. war ab 1839 Mitgl. des Niederösterr. Gewerbever., ab 1851 Gemeinderat von Inzersdorf, 1857 Vizepräs. der Handels- und Gewerbekammer von Wien und NÖ. Seine Tätigkeit wurde durch Überreichung der großen Medaille in Gold für Wiss. und Kunst 1845 öff. gewürdigt. Nach M.s Ableben wurde das Unternehmen durch seinen Neffen, H. Drasche v. Wartinberg (s. d.), weitergeführt.

W.: Beleuchtung der in neuster Zeit verkündeten und mit einem Privilegio versehenen Erfindung: Ziegel mittels einer Maschine durch Compression zu erzeugen . . ., 1836; Schlußwort bezüglich der Aktienunternehmungen zur Erzeugung der Ziegel mittels einer privilegierten Maschine durch Compression, 1837; La fabrication des briques et des tuilles depuis son origine jusqu’à ce jour, 1855; Die Kohlenindustrie Österr., 1855.
L.: Die Presse vom 7. 10. 1858; Nekrolog des A. M., 1857; G. Merk, Zwei Pioniere der Österr. Industrie, A. M. und H. Drasche, 1966; G. Holzmann, Unternehmer aus NÖ, in: Schriftenreihe der Handelskammer NÖ 7, 1967, S. 57 ff.; R. Granichstaedten-Czerva–J. Mentschl–G. Otruba, Altösterr. Unternehmer, in: Österr.-Reihe 365/67, 1969, S. 77 ff.; Wurzbach; Ber. über die gegenwärtige Österr. allg. Industrie-Ausst., Beilage zum Journal des österr. Lloyd, 1845; F. Friese, Übersicht der österr. Bergwerksproduktion in den Jahren 1823–45, 1855, S. 22; H. Drasche, Ber. des Ausstellers H. Ritter Drasche v. Wartinberg in Wien über den Besitz, Umfang, die Erzeugnisse, den Betrieb und die sonstigen Verhältnisse seiner Kohlenbergbaue in Österr.-Ungarn, 1873; Wien 1848–1888. Die Entwicklung der Stadt Wien in den Jahren 1848–1888, 1888; Großind. Österr., Bd. 2, S. 23 ff.; L. Hanisch, Die Ziegelindustrie im Wr. Becken, rer. merc. Diss. Wien, 1940; Slokar, s. Reg.; J. K. Merinsky, Österr. Ziegelbau des 19. Jh. im Spiegelbild von Hörerzeichnungen der Wr. Techn. Hochschule, in: Die Ziegelindustrie, H. 12, 1962.
(H. Stekl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 28, 1974), S. 270f.
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