Moraczewski, Jędrzej Edward (1870-1944), Politiker

Moraczewski Jędrzej Edward, Politiker. * Tremessen (Trzemeszno, Posen), 13. 1. 1870; † Sulejówek b. Warschau, 5. 8. 1944. Absolv. 1894 die Techn. Hochschule in Lemberg und arbeitete dann beim Landesamt Lemberg, in Ostgalizien und Dalmatien. Baurat. 1885–93 gehörte er verschiedenen geheimen Schüler- und Studentenorganisationen an, welche unter dem Einfluß der nationalist. Poln. Liga standen, später trat er in die Poln. Sozialdemokrat. Partei Galiziens und des Teschener Schlesien ein. Er trug an verschiedenen Volkshochschulen (u. a. in Lemberg) vor und gründete eine Abt. in Sambor. 1907–18 Reichsratsabg. der Poln. Sozialdemokrat. Partei für den Bez. Stryj-Kałusz, vertrat M. hauptsächlich die Interessen der Staatsbeamten. In Ostgalizien propagierte er die kooperative Bewegung und wurde Vorsitzender der Vereinigung der Konsumgenossenschaften in Galizien (1912). Er unterstützte die paramilitär. Schützenbewegung von Piłsudski im Karpatengebiet und diente 1914–17 als Oblt. in der 1. Brig. der poln. Legionen. Auf Wunsch Piłsudskis trat er 1914 in das oberste Nationalkomitee ein und arbeitete in Russ.Polen unablässig für ein unabhängiges Polen. Wegen antidt. Tätigkeit in den Legionen wurde M. 1917 verhaftet, bald aber auf Intervention des Reichsrates entlassen. Am 22. 5. 1917 brachte er im Reichsrat die Resolution des Poln. Klubs ein, welche die Unabhängigkeit Polens forderte, und hatte enge Kontakte zur illegalen tschech. Organisation. Nach Verhaftung Piłsudskis (Juli 1917) übernahm M. die polit. Leitung im Konvent A, einer geheimen, von Piłsudski gegründeten Organisation, welche die linksgerichteten Unabhängigkeitsparteien lenken sollte. Damals bemühte er sich vergebens um eine Einigung mit der Nationaldemokrat. Partei. In der vorläufigen Volksregierung der poln. Republik in Lublin (7. 11. 1918) wurde M. Verkehrsmin. Auf Piłsudskis Wunsch übernahm er das Amt des ersten Premiermin. im unabhängigen Polen (18. 11. 1918) sowie das Verkehrsmin. (bis 29. 12. 1918). 1919 demissionierte er, wieder auf Piłsudskis Wunsch, aber gegen den der Poln. Sozialist. Partei. Als Abg. des ehemaligen Ostgalizien leitete er den Klub der poln. Sozialist. Abg. und wurde einer der Vizemarschälle des Sejm. 1919–25 war er Mitgl. des obersten Rates der Poln. Sozialist. Partei und zugleich Mitgl. Des Zentralexekutivkomitees dieser Partei. 1920 nahm er als Freiwilliger am poln.-russ. Krieg teil (Mjr. i. d. Res.), 1922 wurde er Abg. für den Bez. Drohobycz-Stryj-Kałusz und wieder Vizemarschall des Sejm bis 1925. 1925/26 und 1926–29 Min. für öff. Arbeiten. Wegen der Mitarbeit an Piłsudskis Regierung wurde M. 1927 aus der Poln. Sozialist. Partei ausgeschlossen. 1928 wurde er Red. der regierungsfreundlichen Z. „Przedświt“ (Morgendämmerung), welche die Poln. Sozialist. Partei angriff. Ab 1931 war er an der Spitze des Verbandes der Trade Unions, welcher der Regierung nahestand und eine Syndikalist. Ideol. vertrat.

W.: Lud a sejm (Das Volk und der Landtag), 1900; Zarys sprawy polskiej w obecnej wojnie (Betrachtung der poln. Frage im jetzigen Kriege), 1915; Polityka polska a uwięzienie Piłsudskiego (Die poln. Politik und die Verhaftung P.s), 1917; Przewrót w Polsce. Rządy ludowe (Der Umsturz in Polen. Die Volksregierung), 1919; Wspomnienie współpracy z L. Wasilewskim (Erinnerung an die Arbeit mit L. W.), in; Niepodległość 16, 1937.
L.: J. M. Autobiografia (Autobiographie), Manuskript, Red. des Poln. Biograph. Lex., Krakau; Kalendarz Robotniczy, 1948, S. 67; B. Olszewicz, Lista strat kultury polskiej (Liste der Verluste der poln. Kultur), 1947; Knauer; Czy wiesz kto to jest? (Weißt du, wer das ist?), red. von St. Łoza, 1938; Mała Enc. Powszechna, 1959; Wielka Enc. Powszechna PWN; L. Biliński, Wspomnienia i dokumenty (Erinnerungen und Dokumente), Bd. 2, 1925; Pamiętniki H. Diamanda (H. D.s Memoiren), 1932, S. 53, 65, 86, 134 f., 156, 161, 211, 256, 260; Księga jubileuszowa Polskiej Partii Socjalistycznej 1892–1932 (Jubiläumsbuch der Poln. Sozialist. Partei 1892–1932), 1933; L. Wasilewski, J. Piłsudski jakim go znałem (J. P., wie ich ihn kannte), 1935, S. 155 ff.; W. Lipiński, Rząd J. M. i zamach 5. 1. 1919 r. (Die Regierung des J. M. und der Staatsstreich vom 5. 1. 1919, in: Niepodłegłość 15, 1937; H. Wereszycki, Dzieje polityczne Polski 1864–1918 (Polit. Geschichte Polens 1864–1918), 1948; H. Jabłoński, Polityka Polskiej Partii Socjalistycznej w czasie wojny 1914–1918 (Die Politik der Poln. Sozialist. Partei während des Krieges 1914–18), 1957; A. Próchnik, Pierwsze Piętnastolecie Polski Niepodległej (Die ersten 15 Jahre des unabhängigen Polen), 1957; I. Daszyński, Pamiętniki (Memoiren), 2 Bde., 1957; A. Czubiński, Centrolew, 1963; J. Kaczanowska, Skład władz naczelnych PPS 1919–39 (Personalstand der obersten Behörden der Poln. Sozialist. Partei 1919–39), in: Z Pola Walki, 1969, n. 4; A. Tymieniecka, Polityka Polskiej Partii Socjalistycznej w latach 1924–28 (Die Politik der Poln. Sozialist. Partei 1924–28), 1969; Archiv des Zentralkomitees der Poln. Vereinigten Arbeiterpartei, Warschau.
(H. Wereszycka)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 29, 1975), S. 365f.
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