Müller, David Heinrich von (1846-1912), Orientalist

Müller David Heinrich von, Orientalist. * Buczacz (Galizien), 6. 7. 1846; † Wien, 21. 12. 1912. Erhielt eine traditionell-jüd. Ausbildung, stud. dann am jüd.-theolog. Seminar in Breslau, ab 1872 an der Univ. Wien und widmete sich unter Sachau (1845–1930) dem Stud. der semit. Philol. 1875 Dr. phil., 1876 Priv. Doz., übernahm er 1881 als ao. Prof. die durch den Weggang Sachaus nach Berlin seit 1876 vakante Lehrkanzel für Semitistik, 1885 o. Prof. der semit. Sprachen, 1900/01 Dekan, 1912 i. R. Zunächst setzte M. seine arabist. Arbeiten fort, beteiligt sich an der Leidener Ausgabe der Annalen des aṭ-Ṭabarī und legte 1881 und 1891 die erhaltenen Tle. des Werkes des jemenit. Historikers al-Hamdānī in einer vorzüglichen krit. Ausgabe vor. Diese Tätigkeit führte ihn zur Beschäftigung mit dem vorislam. Südarabien, die er mit der Hrsg. der Südarab. Altertümer des Kunsthist. Mus. begann und die in der von der Akad. der Wiss. in Wien entsandten Südarabien-Expedition (1888/89) gipfelte. Mit seinen Schülern E. Glaser (s. d.), W. Hein (s. d.) und Rhodokanakis begründete er die österr. Schule der südarab. Stud. Die Expedition von 1888/89, die ihn nach Aden, Sokotra und der Mehriküste führte, verschaffte ihm das Material für seine grundlegenden Arbeiten über die bis dahin wenig bekannten Sprachen Mehri und Sokotri. Weniger glücklich war M., dessen Stärke in der Philol. lag, in seinen Thesen über die ursemit. Poesie, deren Strophenbildung und Responsionen er im Alten Testament, in der akkad. und arab. Literatur (so auch im Koran) nachweisen zu können glaubte, oder in seiner Behauptung von einem Urgesetz, das sowohl dem Kodex Hammurabi als auch dem Dekalog zugrunde liege und von Abraham nach Kanaan gebracht worden sei. M. war ein sehr erfolgreicher Lehrer, der die Wr. Schule der morgenländ. Stud. begründete. Als Befürworter der Förderung der bahnbrechenden Forschungsreisen A. Musils nach Transjordanien durch die Akad. der Wiss. in Wien erwarb sich M. auch große Verdienste um die Entdeckung und Bearb. von Quseir’ Amra (1907) und die Erforschung der Arabia Petraea (1907/08). Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1889 korr., 1898 w. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien, 1912 nob. Sein Sohn, Stefan v. M. (* Wien, 3. 11. 1877; † Wien, 5. 5. 1938, Selbstmord), 1919 Dr. jur. der Univ. Wien, war lange Zeit volkswirtschaftlicher Red. der „Neuen Freien Presse“, in den 30er Jahren Mitbesitzer und als Nachfolger E. Benedikts Chefred. dieser Ztg., an deren Verkauf an die österr. Regierung er vermutlich wesentlich beteiligt war.

W.: Kitâb-al-Farķ von AlAşmacî, 1876; Sabä. Denkmäler, gem. mit J. H. Mordtmann, 1883; Al-Hâmdânî’s Geographie der Arab. Halbinsel, 2 Bde., 1884–91; Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form, 2 Bde., 1896; Strophenbau und Responsion, 1898; Südarab. Alterthümer im Kunsthist. Hofmus., 1899; Die Mehri- und Soqotri-Sprache, 3 Bde., in: Schriften der Südarab. Expedition 4, 6–7, 1902–07; Die Gesetze Hammurabis und ihr Verhältnis zur mos. Gesetzgebung sowie zu den XII Tafeln, 1903; Die Bergpredigt im Lichte der Strophentheorie, in: Bibl. Stud. 5, 1908; Mehri- und Hadrami-Texte, in: Schriften der Südarab. Expedition 9, 1909; etc. Hrsg.: E. Glasers Reise nach Mârib, gem. mit N. Rhodokanakis, in: Smlg. E. Glaser 1, 1913.
L.: Wr. Ztg. vom 22. 12. und N. Fr. Pr. vom 25. 12. 1912; Allg. Ztg. des Judentums, 1913, n. 5; Petermanns Mitt., Bd. 59, 1913, S. 79; Mitt. der Antropolog. Ges. in Wien 43, 1913, S. 161; Feierl. Inauguration, 1913/14; Almanach Wien, 1914; Weimarer hist.-genealog. Taschenbuch des gesamten Adels jehud. Ursprungs, 1913; Wininger; Enc. Jud.; Jew. Enc.; Jüd. Lex.; Wer ist’s? 1906–11; Masaryk; Otto 17; Révai; J. Fück, Die arab. Stud. in Europa, 1955, S. 255 ff. Stefan v. M.: I. Walter, M. Benedikt und die „Neue Freie Presse“, phil. Diss. Wien, 1950, S. 227 f.; A. Wandruszka, Geschichte einer Ztg., 1958, S. 145 f.; K. Paupié, Hdb. der österr. Pressegeschichte 1848–1959, Bd. 1, 1960, S. 149; UA Wien.
(E. Gottschalk)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 30, 1975), S. 410f.
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