Mundy, Jaromir Frh. von (1822-1894), Mediziner und Philanthrop

Mundy Jaromir Frh. von, Mediziner und Philanthrop. * Schloß Eichhorn (Veveří, Mähren), 3. 10. 1822; † Wien, 23. 8. 1894 (Selbstmord). Stud. zunächst kath. Theol., widmete sich aber ab 1845 der militär. Laufbahn. 1856 quittierte er mit Beibehalt des Off.Charakters als Hptm. 1. Kl. (IR 6) den Dienst und stud. ab 1855 an der Univ. Würzburg Med., 1859 Dr.med. M.s Interesse galt der Sanitätsreform, wobei er sich insbes. für die Behandlung der Geisteskranken und die Betreuung der im Krieg Verwundeten einsetzte. Weitere spezielle Stud. (Irrenheilkde., moderne Irrengesetzgebung, Reformen des Irrenwesens und gerichtliche Med.) absolv. er an den Univ. Heidelberg, Leipzig und Berlin. 1859 stud. M. in Gheel (Belgien) die Pflege von Geisteskranken in kleinen Kolonien. 1859 machte er den Feldzug in Italien als Hptm. im Hauptquartier des FZM Franz Gf. Gyulai (s. d.) mit, 1866 wurde er zum Rgt.Arzt 2. Kl. beim Feldspital n. 38 in Pardubitz ernannt, dann zum Garnisonsspital n. 1 in Wien transferiert. 1867 tit. Stabsarzt, quittierte er im selben Jahr mit Beibehalt des Off. Charakters den Dienst. 1873 wurde ihm die Ablegung der Off.Charge bewilligt. 1866 im Feldzug gegen Preußen, kümmerte sich M. erstmals um die Verwundetenfürsorge und führte den Transport der Verletzten nach Wien durch, wobei zum ersten Mal auf seine Anregung hin Güterwaggons behelfsmäßig in Lazarettwaggons umgebaut wurden. Als er 1870 während des dt.-französ. Krieges im belagerten Paris als Arzt arbeitete und 1871 verwundete Franzosen aus Deutschland in ihre Heimat beförderte, entwickelte er diese Idee weiter. 1872–76 ao.Prof. für Militärsanitätswesen an der Univ. Wien. Bereits auf der Weltausst. in Paris 1867 wurde ein von ihm konstruierter Pferdewagen ausgestellt, mit dem Verletzte liegend transportiert werden konnten, und 1873 wurde auf der Weltausst. in Wien ein nach seinen Plänen konstruierter Sanitätswaggon gezeigt. M.s Idee, die Verwundeten in speziellen Lazarettzügen direkt vom Schlachtfeld abzuholen, wurde noch im gleichen Jahr vom Souveränen Malteser-Ritterorden aufgegriffen und realisiert. Dieser aus zehn Sanitätswagen und je einem Arzt-, Küchen, Proviant-, Speise- und Monturswaggon bestehende Zug kam bereits 1878 anläßlich der Okkupation von Bosnien erstmalig zum Einsatz. Gleichzeitig entwarf und baute M. auch Pferdeambulanzen und Küchenwagen, die den Grundstock des Sanitätsmaterials der 1881 von Hans Gf. Wilczek gegründeten Freiwilligen Rettungsges. bildeten, an deren organisator. Aufbau M. großen Anteil hatte und deren erster Chefarzt und Schriftführer er bis zu seinem Tod war. Ständig bemüht, das Schicksal der Verwundeten zu bessern, eilte M. von einem Schlachtfeld zum anderen, um neue Erfahrungen zu sammeln. 1874 wurde er erster Chefarzt des Souveränen Malteser-Ritterordens, 1876 und 1877 wirkte er als Oberster Sanitätschef Serbiens im serb.-türk. Krieg, 1877/78 als Chefarzt des Souveränen Malteser-Ritterordens in Bosnien und 1885/86 wieder als Sanitätschef Serbiens im serb.-bulgar. Krieg. M., der gem. mit seinem Freund Billroth (s. d.) an der Gründung des Rudolfinerhauses mitwirkte, kann als Begründer des modernen Rettungswesens, insbes. des Kranken- und Verletztentransportes angesehen werden.

W.: Beitrr. zur Reform des Sanitätswesens in Österr., 1868; Über den Transport der im Felde Verwundeten und Kranken, 1874; Stud. über den Umbau und die Einrichtung von Güterwaggons zu Sanitätswaggons, 1875; Organ. Bestimmungen und das Reglement für den inneren freiwilligen Sanitätsdienst im Kriege, gem. mit H. Zipperling, 1876, 4. Aufl. 1889; Die freie Behandlung der Irren auf Landgütern, 1879; Kleiner Katechismus über die Notwendigkeit und Möglichkeit einer radikalen Reform des Irren-Wesens, 1879; Des Souveränen Malteser-Ritterordens, Großpriorat von Böhmen etc. freiwilliger Sanitätsdienst im Kriege . . ., 1879; Beschreibung der Sanitäts-Züge des Souveränen Malteser-Ritterordens, gem. mit H. Zipperling, 1880, 3. Aufl. 1882; Der Transport von Kranken und Verletzten in großen Städten, 1883; Über die Influenza, 1890; Ein Vorschlag für prakt. Übungen der Sanitätstruppen zur Friedenszeit, 1.–3. Aufl. 1890; Unheilbar, 1892; etc.
L.: N. Fr. Pr. vom 24., 25. und 27. 8., 7. 9. 1894; Die Furche vom 15. 8. 1964; Wegwarte vom 10. 10. 1953; Wr. Geschichtsbll., Jg. 21, 1966, S. 15; H. Moser, Gen. Chefarzt J. v. M., in: Schriftenreihe des Mus. Mailberg 2, 1975; S. Kirchenberger, Lebensbilder hervorragender österr.-ung. Militär- und Marine-Ärzte, in: Militärärztliche Publ. 150, 1913; Dt. Irrenärzte, hrsg. von Th. Kirchhoff, Bd. 2, 1924, S. 38 ff.; Fischer; Hirsch; Pagel; Eisenberg, 1893, Bd. 2; Rollett, Neue Beiträge, Tl. 11, S. 78; H. Partisch, Österr. aus sudetendt. Stamme, Bd. 3, 1966, S. 145 f.; ADB 52; Groner; Schönbauer; L. Schönbauer, Das österr. Militär-Sanitätswesen, 1948; P. Slezak, Geschichte der österr. Sanitätsverwaltung, 1956, s. Reg.; Lesky, s. Reg.; E. Fischer–Homberger, Zur Entwicklung des Rettungswesens, in: Image, 1971, n. 37. Belletrist.: I. Stuppöck, Wir kommen. Ein hist. Roman der Wr. freiwilligen Rettungsges., 1950; Mitt. P. Slezak, Wien.
(B. Waldstein–Wartenberg)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 30, 1975), S. 440f.
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