Musil, Robert von (1880-1942), Schriftsteller

Musil Robert von, Dichter. * Klagenfurt, 6. 11. 1880; † Genf, 15. 4. 1942. Vetter 2. Grades des Vorigen, Sohn des o.Prof. für Maschinenbau und Maschinenkde. an der Techn. Hochschule in Brünn, Alfred v. M. (1846–1924); stud. ab 1892 an der Militär-Unterrealschule Eisenstadt, 1894–1897 an der Militär-Oberrealschule in Mähr. Weißkirchen, 1897 an der Techn. Milit. Akad. in Wien, dann an der Techn. Hochschule in Brünn Maschinenbau, 1901 Dipl.Ing., 1902/03 Ass. an der Techn. Hochschule in Stuttgart; ab 1903 stud. er an der Univ. Berlin Phil. (vor allem Logik) und experimentelle Psychol., 1908 Dr.phil. Mit der Konstruktion des „Variationskreisels nach Musil“ machte er sich einen Namen in der Naturwiss. Habil. Angebote aus Berlin, Stuttgart und Graz lehnte er ab, da sein 1906 veröff. Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ internationale Beachtung fand und ihm die nötige Zuversicht gab, sich dem Schriftstellerberuf zu widmen. 1911 nahm er eine Stelle als Bibliothekar an der Techn. Hochschule in Wien an. 1914–1918 diente er als Off. in der k. u. k. Armee, zuletzt als Hptm. an der italien. Front. M. begann sich dann in verstärktem Maße aus dem öff. und beruflichen Leben zurückzuziehen und auf seine schriftsteller. Arbeit zu konzentrieren. 1920–22 war er zwar noch Fachbeirat im Staatsamt für das Heereswesen, es war dies aber sein letztes Angestelltenverhältnis. Verschiedene Literaturpreise (1923 Kleistpreis, 1924 Kunstpreis der Stadt Wien, 1929 Gerhart Hauptmannpreis) ermutigten ihn zu seinem künstler. Schaffen, wo sich nun allmählich der Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ als sein künstler. Hauptproblem, dem er all seine Zeit widmete, in den Vordergrund zu schieben begann. Nach dem Erscheinen des 1. Bd. wurde in Berlin 1932 eine R. M.-Ges. gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, dem Dichter die notwendigste finanzielle Unterstützung angedeihen zu lassen. 1933 verließ M. aber Berlin, um sich in Wien anzusiedeln, wo dann auch nach Verbot der Berliner die neugegründete Wr. R. M.-Ges. deren Funktion übernahm. 1938 emigrierte M., dessen Bücher inzwischen verboten worden waren, nach Zürich und zog 1939 nach Genf, wo er nahezu völlig verarmt und vereinsamt an seinem großen Romanwerk arbeitete – unterstützt vom Schweizer Hilfswerk, dem Pfarrer R. Lejeune und einem kleinen Kreis von Freunden. Bes. Verdienste um M.s Schaffen jedoch erwarb sich seine Frau Martha, geb. Marcovaldi, durch ihre vorbildliche Fürsorge und die Betreuung des Nachlasses. Für die literar. Welt wurde M. erst durch einen Artikel im Literary Supplement der Londoner „Times“ (1949) wiederentdeckt. In den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zeigt sich schon deutlich die Eigenart der M.schen Prosa. 1911 folgten unter dem Sammeltitel „Vereinigungen“ zwei Erzählungen, „Die Vollendung der Liebe“ und „Die Versuchung der stillen Veronika“, 1920 ein Drama, „Die Schwärmer“ (Uraufführung 1929), das ebenfalls erfolgreich war, 1923 zwei Novellen, „Grigia“ und „Die Portugiesin“, im selben Jahr hatte sein zweites Drama, „Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer“, seine Uraufführung und 1924 wurde den beiden Novellen noch „Tonka“ hinzugefügt. Nun begann sich M. ausschließlich auf sein Hauptwerk, den Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, zu konzentrieren, mit dem er bis zu seinem Lebensende rang. Ein einziges Mal unterbrach er diese Arbeit für einige Zeit, um eine Smlg. kurzer Prosastücke – darunter die berühmte Erzählung „Die Amsel“ (bereits 1928 entstanden) – unter dem Titel „Nachlaß zu Lebzeiten“ herauszugeben. Wenn man noch die drei Reden „Zu Rilkes Tod“, „Der Dichter und seine Zeit“ und „Über die Dummheit“ erwähnt, überblickt man das bisher veröff. Gesamtwerk, abgesehen von Briefen, Tagebüchern und vielen Essays in Z. Das künstler. Problem für M. ist die Gestaltung der Totalität, die sich jedoch in ihrer Komplexheit einer solchen widersetzt. Durch dauernde Bewußtheit und Bewußtmachung dieses Dilemmas in der konstruktiv-iron. Distanz der Erzählhaltung wird eine neue Qualität in die Erzählkunst eingeführt. Es ist eine Verflechtung der Schichten und des Reichtums der Mittel, die der Roman von der Antike her bereitgestellt hat und die nun flächenhaft ausgebreitet vom bloßen Nacheinander der traditionellen Erzählkunst in eine Erzähltechnik des In-, Neben- und Miteinander übergeführt werden. Damit ist ein wesentlicher Beitr. zur Begründung des „modernen Romans“ geleistet. M.s Nachlaß von etwa 9000 S. befindet sich seit 1972 in der Handschriftensmlg. der Österr. Nationalbibl. in Wien, Arbeitsstellen sind in Wien, Klagenfurt und Saarbrücken.

W.: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Roman), 1906; Vereinigungen (Erzählungen), 1911; Die Schwärmer (Drama), 1921; Grigia, 1923, Die Portugiesin, 1923, mit Tonka neuaufgelegt als: Drei Frauen (Novellen), 1924; Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer, 1924; Zu Rilkes Tod (Rede), 1927; Der Mann ohne Eigenschaften (Roman), Bd. 1, 1930, Bd. 2, Tl. 1, 1932, Tl. 2, 1943, hrsg. von M. Musil, ergänzt aus dem Nachlaß von A. Frisé, 1952, 1960; Nachlaß zu Lebzeiten (Prosastücke), 1936; Der Dichter und seine Zeit (Vortrag), 1936; Über die Dummheit (Vortrag), 1937; Essays in Z., u. a. in Neue Rundschau, Merkur, Summa. Pan; etc. Ges. Werke in Einzelausg., hrsg. von A. Frisé, 3 Bde., 1952–57, Bd. 1, 2. Aufl. 1960. Hrsg.: (Tiroler) Soldatenztg., 1916–17. Red.: Heimat, 1918.
L.: W. Berghahn, R. M. in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1963; Dt. Vierteljahresschrift für Literaturwiss. und Geistesgeschichte 39, 1965, S. 441 ff. (Bibliographie); R. M. Leben, Werk, Wirkung, hrsg. von K. Dinklage, 1960; W. Bausinger, Stud. zu einer hist.-krit. Ausg. von R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1964; G. Baumann, R. M. Zur Erkenntnis der Dichtung, 1965; P. Nusser, M.s Romantheorie, 1967; W. Rasch, Über R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1967; E. Albertsen, Ratio und „Mystik“ im Werk R. M.s, 1968; J. C. Thömig, R. M. Bibliographie, in: Bibliographien zum Stud. der dt. Sprache und Literatur 4, 1968; G. Graf, Stud. zur Funktion des ersten Kapitels von R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1969; R. M. Stud. zu seinem Werk, hrsg. von K. Dinklage, 1970; H.-W. Schaffnit, Mimesis als Problem. Stud. zu einem ästhet. Begriff der Dichtung aus Anlaß R. M.s, 1971; M.-L. Roth, R. M.: Ethik und Ästhetik, 1972 (mit Bibliographie).
(A. Obermayer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 31, 1976), S. 2f.
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