Natzler, Leopold (1860-1926), Schauspieler, Theaterdirektor und Komponist

Natzler Leopold, Schauspieler, Theaterdirektor und Komponist. * Wien, 17. 6. 1860; † Wien, 3. 1. 1926. Sohn eines Herrenschneiders, Bruder des Folgenden; war zuerst im Bankgeschäft tätig, schlug aber die Theaterlaufbahn ein und trat 1879 in Wien zum ersten Mal öff. auf. Er spielte dann in Marburg, Oldenburg und am Friedrich Wilhelmstädt. Theater in Berlin. Nach verschiedenen Gastspielen an österr. Provinztheatern war N. 1884–86 in Graz und 1886–88 als jugendlicher Gesangskomiker in Brünn engagiert. 1888–91 gehörte er dem Theater a. d. Wien an, 1891–93 trat er als 1. jugendlicher Gesangskomiker am Theater i. d. Josefstadt auf und wurde 1893 von A. Müller (-Guttenbrunn), s. d., an das neugegründete Raimund-Theater verpflichtet, an dem er vor allem in Gesangspossen und Volksstücken bis 1901 wirkte. Er verabschiedete sich von seinem Publikum in der von ihm bei der Uraufführung (1895) kreierten und seither fast 200 Mal gespielten Rolle des Schneiders Würmerl in Costas (s. d.) Volksstück „Bruder Martin“, die zugleich sein größter schauspieler. Erfolg war. N. war einer der letzten Vertreter einer gemütvollen, burlesken „Thaddädl“-Κοmik, die – zugunsten einer stärkeren Publikumswirkung – nicht immer ganz frei von Übertreibungen war. Höhepunkte seines Spiels waren stets die pointiert und überaus temperamentvoll vorgetragenen Couplets. Nach seinem Abgang vom Raimund-Theater gab er vorerst nur Gastspiele, war dann 1902/03 am Carl-Theater und ab 1903 am Theater a. d. Wien engagiert, wo er vor allem kom. Operettenpartien spielte. Er zog sich aber bald ganz von der Bühne zurück und trat nur mehr als Vortragender auf. N. schrieb sich seine Vortragsstücke, Couplets und Lieder („Die schönste Stunde meines Lebens“, „Einmal hin, einmal her“) selbst, seine Spezialität bildeten Quodlibets, von denen das „Johann Strauß-Quodlibet“ das bekannteste war. Daneben komponierte er auch Tänze und Märsche (Kaiserjäger-Marsch). 1906 gründete er gem. mit seinem Bruder Siegmund eines der ersten Wr. Kabaretts, „Die Hölle“, ein kleines Theater im Souterrain des Theaters a. d. Wien, das sich großer Beliebtheit erfreute und eine Pflegestätte der Kleinkunst wurde. Junge Dichter und Komponisten erhielten hier nicht selten ihre erste Chance. Operetteneinakter, wie Falls (s. d.) „Brüderlein fein“ oder H. Reinhardts „Süße Grisetten“, wurden hier erstmals aufgeführt. 1911 pachteten die Brüder auch das Sommertheater „Venedig in Wien“ im Prater, mußten den Vertrag aber wegen finanzieller Schwierigkeiten frühzeitig wieder lösen. N. war in erster Ehe mit der Koloratursängerin Toni Rudolf und in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Lilli Meißner verheiratet. Seine Schwester, Regine N. ( * 24. 11. 1866), war ebenfalls Schauspielerin und wirkte in 2. Soubrettenrollen an verschiedenen Wr. Bühnen.

Hauptrollen: Christopherl (J. Nestroy, Einen Jux will er sich machen); Pomponet (A. Ch. Lecocq, Mamsell Angot); Ancu (K. Millöcker, Apajune, der Wassermann); Benozzo (ders., Gasparone); Bodo (C. Lindau–Α. Oelschlägel, Schelm v. Bergen); Stephan Hoch (L. Held, Die Näherin); Valentin (F. Raimund, Der Verschwender); Don Sancho ď Avellaneda y Villapinquedonus (J. Strauß, Das Spitzentuch der Kgn.); Zsupan (ders., Der Zigeunerbaron); Jupiter (J. Offenbach, Orpheus in der Unterwelt); Timpanon (ders., Venedig in Paris); etc.
L.: N. Fr. Pr. und N. Wr. Tagbl. vom 4. 1., Neues Wiener Journal vom 4. 1. 1926; Wr. Theater-Almanach, 1901–03; Eisenberg; O. G. Flüggen, Biograph. Bühnenlex. der dt. Theater, 1892; Frank–Altmann; Katalog der Porträtsmlg.; Kosch, Theaterlex.; Eisenberg, 1893, Bd. 1; Kosel; G. Bondi, 25 Jahre Eigenregie. Das Brünner Stadttheater 1882–1907, 1907; E. Brixel, Die Ära W. Karczag im Theater a. d. Wien, phil. Diss. Wien, 1967, S. 54, 59, 61, 269.
(E. Marktl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 31, 1976), S. 41f.
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