Necker, Moritz; früher Necheles (1857-1915), Journalist und Literarhistoriker

Necker Moritz, Journalist und Literarhistoriker. * Lemberg, 14. 10. 1857; † Wien, 16. 2. 1915. Hieß ursprünglich Necheles; Schwiegersohn des Romanisten F. Lotheissen (s. d.); stud. an der Univ. Wien Phil. und Germanistik und war Schüler E. Schmidts, eines Hauptvertreters der positivist. Schule der Literaturwiss. 1884 Dr. phil. an der Univ. Innsbruck. Hauptberuflich stand N. zeitlebens als Literaturkritiker und Essayist im Dienst führender Ztg. So schrieb er zunächst im Leipziger „Grenzboten“ (1884–92), daneben bald auch u. a. in der „Münchner Allgemeinen Zeitung“, in der „Frankfurter Zeitung“, der (Wiener) „Presse“, der „Neuen Freien Presse“, der „Deutschen Zeitung“ und in den „Blättern für literarische Unterhaltung“. 1905–15 wirkte N. ferner als erster Theater- und Literaturkritiker am „Neuen Wiener Tagblatt“, wo er sich auch der Popularisierung aufstrebender zeitgenöss. Dichter widmete. Daneben war er Doz. für Allg. Dramaturgie an der Wr. Akad. für Musik und darstellende Kunst. In seinen selbständigen Publ. wird eine geglückte Verbindung des streng positivist. geschulten Literarhistorikers mit dem gewandt stilisierenden Essayisten spürbar. Mit Akribie ges. Quellenmaterial, dessen Darstellung nie in journalist. Oberflächlichkeit abgleitet, sicherte den Werken N.s größte Breitenwirkung. Neben kleineren biograph. Stud. ist die Biographie Nestroys zu erwähnen. Durch Einarbeitung noch unberücksichtigten Archivmaterials und Dokumentation der Wirkungsgeschichte bis auf seine Zeit galt dieses Werk N.s als die erste geschlossene und für längere Zeit einzige Standardbiographie des Dichters. Ebenso bekannt wurde N. mit seinen auch inhaltlich stark bearb. Übers. der vielgelesenen, von dem Lyoner Literarhistoriker A. Ehrhard verfaßten Biographien Grillparzers (s. d.) und F. Elßlers (s. d.). Die Vertrautheit mit literar. Quellen ließ N. auch als Hrsg. hervortreten: seine kommentierte Ausgabe der Werke Grillparzers wurde vor Sauers editor. Großunternehmen sehr geschätzt, mit der Auswahledition der Privatbriefe Gilms (s. d.) kam er auf Anregung A. Pichlers einem „Desiderat der Tiroler Literatur“ nach. In der Neuedition von Lotheissens „Geschichte der französischen Litteratur im 17. Jahrhundert“ bekundete er schließlich sein über die Detailforschung hinausragendes Interesse an den großen kulturgeschichtlichen Entwicklungslinien. Durch die große Zahl und Vielfalt seiner Publ. entwickelte sich N. zu einer führenden Gestalt des Wr. Kulturlebens der Jh.-Wende.

W.: G. E. Schulzes Aenesidemus und seine Folgen, phil. Diss. Innsbruck, 1884; J. Nestroy. Eine biograph.-krit. Skizze, in: J. Nestroys ges. Werke, hrsg. von V. Chiavacci und L. Ganghofer, Bd. 12, 1891; M. v. Ebner-Eschenbach, 1900; Grillparzers Briefe und Tagebücher, in: Dt. Ms. für das gesamte Leben der Gegenwart, 1904; Beitrr. für Meyers Conversationslex., 18 Bde., 5. Aufl. 1893–98; etc. Hrsg.: F. Lotheissen, Geschichte der französ. Litteratur im 17. Jh., 2. Aufl., 2 Bde., 1897 (mit Biographie F. L.s); F. Grillparzer, Sämtliche Werke, 16 Bde., 1903 (mit Biographie F. G.s); H. v. Gilms Familien- und Freundesbriefe, in: Schriften des Literar. Ver. in Wien, Bd. 17, 1912. Übers.: A. Ehrhard, F. Grillparzer. Sein Leben und seine Werke, 1902; ders., F. Elßler, 1910.
L.: Wr. Ztg. und N. Fr. Pr. vom 16. 2., AZ vom 17. 2. 1915; Concordia-Kalender, 1915, S. 105, 110; Eisenberg, 1893, Bd. 1; Giebisch–Gugitz; Kosel; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 3–4, s. Reg.; S. Hock, Zur Einführung in das Stud. Grillparzers, in: Germanist.-romanist. Ms. 1, 1909, S. 727.
(R. Pichl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 31, 1976), S. 50f.
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