Němcová, Božena; geb. Pankel Barbara (1820-1862), Schriftstellerin

Němcová Božena, geb. Pankel Barbara, Schriftstellerin. * Wien, 4. 2. 1820; † Prag, 21. 1. 1862. Tochter eines aus Gainfarn in NÖ stammenden Kutschers der Fürstin v. Sagan; verlebte ihre Kindheit in Ratibořitz b. Nachod in Ostböhmen und heiratete bereits 1837 J. Němec, einen um 15 Jahre älteren Finanzbeamten, der sich auch als Schriftsteller versuchte, aber die Ideale seiner Frau nie zu verstehen vermochte. Obwohl er ein ausgezeichneter Beamter war, wurde er, wegen seiner tschech. patriot. Gesinnung polit. verdächtig, ständig versetzt. So lebte die Familie, in der in kurzer Zeit vier Kinder zur Welt kamen, 1837 in Kosteletz b. Nachod, 1838 in Josefstadt, 1839 in Leitomischl, 1840 in Polin, 1842 in Prag. Hier kam N. in Kontakt mit Vertretern der tschech. Intelligenz, bes. mit Künstlern. Unter dem Einfluß tschech. Lektüre begann sie Gedichte zu schreiben. 1845 lebte die Familie in Taus, 1847 in Všerub, wo N. mit einfachen Leuten verkehrte, deren Charakter und Gewohnheiten stud., Volksmärchen sammelte und für Prager Z. ethnograph. belletrist. Beitrr. verfaßte. Das Jahr 1848 verbrachte das Ehepaar N. mit eifriger polit. Tätigkeit, weshalb auch die Frau von da an bis zu ihrem Lebensende unter Polizeiaufsicht blieb. 1857 wurde ihr Mann endgültig mit geringer Pension i. R. versetzt. Auf den Reisen zu ihm lernte N. die Slowakei, Ungarn und Kärnten kennen, knüpfte freundschaftliche Verbindungen zu den slowak. Schriftstellern und Patrioten an – der Aufenthalt in Ungarn wurde ihr zuletzt untersagt –, sammelte Sagen und Volkslieder und fand dort den Stoff zu mehreren ihrer Erzählungen. Die Familienverhältnisse und die finanzielle Lage wurden immer schwieriger. Ende 1861 lebte N. kurze Zeit (zuletzt ganz ohne Mittel) in Leitomischl, wo sie ihre gesamten Schriften red. wollte, mußte jedoch schwer krank nach Prag zurückkehren, wo sie starb. Trotz ihres schweren Schicksals behielt N. immer den Glauben an die menschliche Güte, half denen, die noch mehr zu leiden hatten als sie, setzte sich für die Bildung des Volkes und vor allem der Frauen ein, interessierte sich für die Lösung der sozialen Fragen (für sie wurde die erste tschech. Schrift über den utop. Sozialismus und Kommunismus von M. Klácel, s. d., geschrieben) sowie für die polit. Verhältnisse. Gegen Ende ihres Lebens knüpfte sie Verbindungen mit der jüngsten, radikalen Dichtergeneration an. In ihren Märchen betonte sie die Idee der Gerechtigkeit, der Güte und der Liebe; in den Erz. zeigte sie rechtliche, gute Menschen und die Realität des einfachen Lebens. Das Bild der harmon. Persönlichkeit, welches sie in „Babička“ (Die Großmutter) versinnbildlichte, nahm die tschech. Kultur als ideale Darstellung der Volkstradition und des tschech. Charakters an.

W.: Národní báchorky a pověsti (Volksmärchen und Sagen), 7 Bde., 1845–46; Babička (Die Großmutter), 1855, bis 1970 über 200, Ausg.; Pohorská vesnice (Das Gebirgsdorf), 1856; Slovenské pohádky a pověsti (Slowak. Märchen und Sagen), 10 Bde., 1857–58; Beitrr. in Česká včela, Květy, Lumír, Štěpnice, Poutník z Prahy, Koleda, Česká pokladnice, Perly České, Máj etc. Ges. Schriften, 8 Bde., hrsg. von A. Augusta, 1862–63, 14 Bde., hrsg. von M. Gebauerová, J. Vlček und V. Tille, 1904–20, 14 Bde., hrsg. von M. Novotný, 1928–30, 15 Bde., red. von B. Havránek, 1950–61; Ausgewählte Schriften, 3 Bde., hrsg. von F. Vodička, 1962–63, 3 Bde., hrsg. von M. Pohorský, 1974. Auswahl der Korrespondenz: Očima lásky (Mit den Augen der Liebe), hrsg. von R. Havel, 1969.
L.: Österr. in Geschichte und Literatur, Jg. 17, 1973, S. 168 ff.; V. Tille, B. N., 1911, 5. Aufl. 1947 (mit Ergänzung von M. Novotný); B. N. Sborník statí o jejím životě a díle (B., N. Smlg. von Artikeln über ihr Leben und Werk), 1921; J. Fučík, B. N. bojující (Die kämpfende B. N.), 1940; Z doby B. N. (Aus der Zeit B. N.s), 2 Bde., 1941–45; Přátelský kruh B. N. (B. N.s Freundeskreis), 1946; M. Novotný, Život B. N. (B. N.s Leben), 6 Bde., 1951–59 (unvollendet); Z. Nejedlý, B. N., 1952; J. Mukařovský, B. N., 1952; B. Haluzický, B. N. a Slovensko (B. N. und die Slowakei), 1952; R. Havel–M. Heřman, N. ve vzpomínkách současníků (N. in der Erinnerung der Zeitgenossen), 1961; M. Otruba, B. N., 1962; M. Laiske, Bibliografie der B. N., 1962; Slovník českých spisovatelů, 1964; Wurzbach (unter Němec); Masaryk; Otto 18; Novák, S. 424; F. X. Šalda, Duše a dílo (Seele und Werk), 1947, S. 74; J. Mukařovský, Kapitoly z české poetiky (Kapitel aus der tschech. Dichtung), Bd. 2, 1948, S. 311; F. Vodička, Cesty a cíle obrozenské literatury (Wege und Ziele der literar. Wiedergeburt), 1958, S. 249; B. Havránek, Studie o spisovném jazyce (Stud. über die Schriftsprache), 1963, S. 200; V. Černý, Knížka o Babičce (Büchlein über die Großmutter), 1965.
(R. Havel)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 31, 1976), S. 63f.
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