Niembsch von Strehlenau, Nikolaus Franz; Ps. Nikolaus Lenau (1802-1850), Schriftsteller

Niembsch von Strehlenau Nikolaus Franz, Ps. Nikolaus Lenau, Schriftsteller. * Csatád, Kom. Torontál (Lenauheim, Banat), 13. 8. 1802; † Wien-Oberdöbling, 22. 8. 1850. Drittes Kind des einer schles. Soldatenfamilie entstammenden Franz N., der nach abgebrochener militär. Laufbahn Amtsschreiber war und bereits 1807 starb. N. besuchte 1812–15 das Piaristengymn. in Pest und zog nach der Matura (1818) nach Stockerau (NÖ), wo der Großvater, Josef N. v. S. (1822 nob.), Obst. und Kmdt. der k. k. Monturs-Hauptkomm. war. Ab Oktober 1818 absolv. N. den dreijährigen philosoph. Lehrgang in Wien. 1820 machte er Bekanntschaft mit dem Lyriker A. X. Schurz, dem späteren Gatten seiner Schwester Therese. Von 1821 datiert eine bis 1827 währende Liebesbeziehung zu Bertha Hauer, Tochter einer Wr. Haushälterin. Einem kurzen Stud. des ung. Rechts in Preßburg folgte 1822 ein Besuch der landwirtschaftlichen Akad. in Ung. Altenburg. Nach der Rückkehr nach Wien 1823 absolv. N. den 3. Jg. des philosoph. Kurses und begann in Schriftstellerkreisen zu verkehren, u. a. mit Seidl, Dräxler (s. d.) und Grün (s. Auersperg Anton A. Gf.). 1824 stud. er Jus, 1826 Med. an der Univ. Wien. 1828 erfolgte die erste Veröff. von N.s Gedichten, 1829 starb seine Mutter. 1830 beerbte er die väterlichen Großeltern und gab das Stud. auf. 1831 reiste N. nach Württemberg, womit enge Beziehungen zu den Dichtern der schwäb. Schule, bes. zu Schwab, Uhland, Kerner, Pfizer, K. Mayer, A. v. Württemberg, begannen. Mit Cotta in Stuttgart erlangte N. einen Verlagsvertrag. Med.Stud. in Heidelberg wurden bald wieder aufgegeben. 1832 entstanden die „Schilflieder“, ein Gedichtzyklus, der die Eigenart N.s als schwermütiger Naturlyriker bereits erkennen läßt. Während einer für N.s Erwartungen enttäuschenden Amerikareise (Baltimore, Pittsburgh, Economy, Pa., Crawford County, Ohio – dort spekulativer Landerwerb – Niagara-Fälle, New York) erschien bei Cotta die erste Ausgabe der „Gedichte“. Bei seiner Rückkehr, Mitte 1833, wurde N. als bekannter Autor empfangen. In Wien begegnete er M. Frh. v. Löwenthal (s. d.) und dessen Gattin Sophie Freifrau v. Löwenthal (s. d.), der er fortan in unglücklicher Liebe verbunden blieb. Ein ständiges Hin- und Herreisen zwischen Österr. und Schwaben in den folgenden Jahren kennzeichnet N.s innere Ruhelosigkeit. 1836 erschien „Faust, ein Gedicht“, eine Behandlung des Fauststoffs in ep.-lyr.-dramat. Mischform, die mit dem Selbstmord Fausts in weltschmerzlicher Verzweiflung endet. Eine Begegnung mit dem dän. Theologen H. L. Martensen wurde für die christliche Position des Versepos „Savonarola“ bedeutsam. In München lernte er den Philosophen F. v. Baader kennen. 1838, im Erscheinungsjahr von N.s zweitem Gediehtbd., begann die Arbeit an dem Versepos „Die Albigenser“, das die blutigen Religionskriege in der Provence im 13. Jh. behandelt, und an den „Ziska“- Romanzen. Der 1839 erwogene Plan einer Heirat mit der Sopranistin Karoline Unger (1803–77) scheiterte. 1842 erschienen „Die Albigenser, freie Dichtungen“ mit einer durch intensives Hegel-Stud. bedingten betont polit.-zeitbezogenen Perspektive: durch Grauen, Schmerz und Tod wird der Weltgeist zur Befreiung der Menschheit fortschreiten. 1843 Entstehung der „Waldlieder“, Stud. zum „Don Juan“. Nach einer übereilten Verlobung mit der Frankfurter Bürgermeisterstochter Marie Behrends (1811–89), die N. im Sommer 1844 kennengelernt hatte, erfolgte im September der Ausbruch einer durch progressive Paralyse bewirkten Geisteskrankheit. Der Unterbringung in der Heilanstalt Winnenthal b. Stuttgart folgte 1847 die Überführung des unheilbar Kranken in die Heilanstalt Wien-Oberdöbling.

W.: Gedichte, 1832, 13. Aufl. 1852; Faust, 1836, 2. Aufl. 1840; Neuere Gedichte, 1838, 5. Aufl. 1844; Savonarola, 1837, 2. Aufl. 1844; Die Albigenser, 1842; Dichter. Nachlaß, hrsg. von A. Grün, 1851. Sämtliche Werke, hrsg. von A. Grün, 4 Bde., 1855; Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. von E. Castle, 6 Bde., 1910–23, hrsg. von W. Dietze, 2 Bde., 1971.
L.: L. A. Frankl, Zur Biographie N. Lenaus, 1854; E. Niendorf, Lenau in Schwaben, 1855; A. X. Schurz, Lenaus Leben, 2 Bde., 1885, Bd. 1, Neuaufl., hrsg. von E. Castle, 1913; B. Auerbach, N. Lenau, 1876; P. Weisser, Lenau und M. Behrends, in: Dt. Rundschau 61, 1889; E. Castle, N. Lenaus Savonarola, in: Euphorion 3, 1896; L. Roustan, Lenau et son temps, 1898; L. Reynaud, N. Lenau, poète lyrique, 1904; E. Castle, Lenau und die Familie Löwenthal, 1906; J. Wehner, Lenaus literar. Verhältnis zu Matthisson, 1914; A. Korr, Lenaus Stellung zur Naturphil., 1914; C. Siegel, Lenaus Faust und sein Verhältnis zur Phil., in: Kantstud., Bd. 21, 1917; H. Bischoff, Lenaus Lyrik, 2 Bde., 1920–21; J. v. Hessen, N. Lenau und das junge Deutschland, 1925; L. Wege, Hegel und Lenau, 1929; M. Schaerffenberg, N. Lenaus Dichterwerk als Spiegel der Zeit, 1935; V. Errante, Lenau, storia di un martire della poesia, 1935, dt. 1948; S. Korninger, Lord Byron und N. Lenau, in: English Miscellany 3, 1952; J. Turóczi-Trostler, Lenau (ung.), 1955, dt. 1961; K. Wenzlitschke, N. Lenau und die polit.-sozialen Strömungen seiner Zeit, 1963; H. Schmidt, N. Lenau (engl.), 1971; H. Steinecke, N. Lenau, in: Dt. Dichter des 19. Jh., hrsg. von B. v. Wiese, 1969; R. Schneider, Schwermut und Zuversicht, 1948; W. Martens, Bild und Motiv im Weltschmerz, 1957; W. Weiss, Enttäuschter Pantheismus, 1962; A. Mádl, Polit. Dichtung in Österr. 1830–48, 1969; E. Genil-Perrin, Psychiatrie et littérature, le cas Lenau, 1971; Lenau-Almanach, 1959 ff.; Lenau-Forum, 1969 ff.
(W. Martens)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 32, 1976), S. 121f.
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