Nobile, Peter (1774-1854), Architekt

Nobile Peter, Architekt. * Tesserete b. Campestre, Kt. Tessin (Schweiz), 11. 10. 1774; † Wien, 7. 11. 1854. Onkel des Vorigen; folgte Ende der 80er Jahre seinem Vater nach Triest, wo er das Maurerhandwerk erlernte und in Architektur und Perspektive unterrichtet wurde. Dann stud. er an der Scuola Matematica e Nautica in Triest und erhielt wegen seiner Stud.-Erfolge ein mehrjähriges Stipendium des Magistrates. In Triest errichtete er ab 1795 selbständig einige Häuser. 1798–1800 setzte er das Stud. aus Mathematik, Physik und Architektur an der Accad. di S. Luca in Rom fort. N. stud. nicht nur die Bauten der Antike, sondern auch die Theorien Vitruvs, Vignolas und Palladios. 1801–03 stud. er Methodik und Konstruktion an der Wr. Akad. der bildenden Künste. Der Rompreis der Wr. Akad. ermöglichte N. einen zweiten Aufenthalt in Rom, den er 1805 wegen eines Augenleidens, an dem er beinahe erblindete, vorzeitig beendete. Zur Heilung nach Wien zurückgekehrt, arbeitete er unter Montoyer als hofbauamtlicher Praktikant. 1807 wurde N. an die küstenländ. Landesbaudion. in Triest versetzt, welcher er ab 1813 als provisor. Dir. und ab 1817 als Oberbaudir. des österr. Küstenlandes vorstand. N.s Arbeitsgebiet umfaßte zunächst den Brücken- und Straßenbau in den illyr. Provinzen und den Ausbau des Hafens von Triest, aber auch die Erhaltung und Pflege antiker Bauten sowie das gesamte Bauwesen im Küstenland. Auf seine Entwürfe geht wahrscheinlich auch eine ganze Reihe von Bauten in Triest zurück, die von anderen Architekten ausgeführt wurden. Nach N.s Ernennung zum Dir. der Architekturschule der Wr. Akad. der bildenden Künste, 1819, als Nachfolger Hetzendorfs v. Hohenberg (s. d.), verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Tätigkeit von der Praxis zur Theorie. Bereits ab 1803 hatte sich N. mit der Entwicklung einer eigenen Kunsttheorie befaßt, an der er sein ganzes Leben lang arbeitete, ohne sie jedoch abzuschließen. N. bemühte sich um eine umfassende Stud.Reform, mit der er die Trennung von Ing. und Architekten verhindern wollte. Diese Reformvorschläge wurden jedoch nicht berücksichtigt. In seinem kunsthist.-systemat. Lehrplan zeigte er Parallelen in der Architektur Griechenlands, Siziliens und Roms zur Architektur des 16. Jh. auf. Da N.s Kunstanschauung in der Antike wurzelte und er für die Gotik wenig Verständnis hatte, stand er den romant. Ideen seiner Zeit zwar fern, aber nicht feindlich gegenüber und ließ seinen Schülern die Freiheit der Wahl. Nachdem N. schon 1817 zum Hofbaurat ohne eigentliche Funktion ernannt worden war, übernahm er 1820 die Leitung des architekton. Dep. beim Hofbauamt und war mit zahllosen Gutachten für off. Bauten befaßt. Er errang Vertrauen und Freundschaft von Staatskanzler Metternich (s. d.) und wurde 1828 zum Architekturlehrer des Herzogs v. Reichstadt bestellt. Während sich seine Bautätigkeit zunehmend auf Aufträge Metternichs beschränkte, mußte er sein prakt. Tätigkeitsfeld in Wien z. Tl. anderen abtreten. N. bemühte sich um die Gründung eines artist.-vaterländ. Fonds zur Hebung der künstler. Tätigkeit in Österr., doch wurde dieser Plan 1832 endgültig abgelehnt. 1840 begab er sich auf eine große Kunstreise durch Deutschland. In seinem Geburtsort errichtete er 1844 eine Zeichenschule und unterstützte diese laufend mit Geld und Lehrmaterial. In der Folge beschäftigte sich N. vorwiegend mit der Hrsg. eines monumentalen Stichwerkes, von dem auf seine Kosten 300 Tafeln erschienen, während der theoret. Tl. verschollen ist. N., Lehrer beinahe aller Wr. Architekten der zweiten Hälfte des 19. Jh., trat 1849 als Dir. der Architekturschule, 1850 auch als Hofbaurat i. R., blieb jedoch weiter im Kunstbeirat der Akad., der er seine Handzeichnungen, Kupferstiche und Bücher schenkte. Er erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen und war Mitgl. vieler Kunstakad. (u. a. Pisa 1813, Wien 1815, Rom 1822, Kopenhagen 1831, des kgl. Inst. der brit. Architekten 1838).

W.: Hafen und Marinespital, 1811, Naut. Akad., Privathäuser, Pfarrkirche S. Antonio Nuovo, 1827–49, alle Triest; Restaurierung des Amphitheaters, 1811, Pola; Äußeres Burgtor, 1816–24, Theseustempel und Cort. Kaffeehaus, 1820–23, Festsaal des Polytechn. Inst., 1826–37, Schottentor, 1839, alle Wien; Leuchttürme von Salvore, 1817/18, Triest, 1833; Villa Hudelist, 1818, Baden, NÖ; Ständetheater, 1824, Graz; Villa Metternich, 1828–39, Johannisberg; Metternichsche Familiengruft, 1828, Plaß; Potocki-Kapelle, 1832–40, Krakau; Schloß Metternich und Kapelle, 1833/34, Königswart; Altstädter Rathaus, 1833–48, Prag; K. Franz-Denkmal, 1835, Kulm; Restaurierung des Königsschlosses und des Teatro alla Scala, 1837, Mailand; Isonzobrücke b. Canale. Publ.: Progetti di vari monumenti architettonici imaginati, 1814; Fanale di Salvore, 1821; Der Leuchtturm von Salvore, in: Allg. Bauztg., 1836.
L.: Kleine Ztg. (Graz) vom 7. 11. 1954; Mitt. der Ges. für vergleichende Kunstforschung in Wien, 1950, n. 3; G. Fraschina, Bibliografia di P. N., 1872; I. Köchert, P. N. (1774–1854). Sein Werdegang und seine Entwicklung mit bes. Berücksichtigung seines Wr. Schaffens, phil. Diss. Wien, 1952; R. Eitelberger, Kunst und Künstler Wiens, in: Kunsthist. Schriften 1, 1879; Bénézit; C. Brun, Schweizer. Künstlerlex., Bd. 2, 1908; Nagler; Thieme–Becker; Groner; Wurzbach; ADB 52; C. v. Lützow, Geschichte der Akad. der bildenden Künste, 1877; A. Prokop, Markgrafschaft Mähren in kunstgeschichtlicher Beziehung, 1904; L’Architettura, cronache e storia, 1955; W. Wagner, Die Geschichte der Akad. der bildenden Künste in Wien, in: Veröff. der Akad. der bildenden Künste, NF, Bd. 1, 1967, s. Reg.; R. Wagner-Rieger, Wiens Architektur im 19. Jh., 1970.
(R. Schachel)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 32, 1976), S. 139f.
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