Noorden, Karl von (1858-1944), Internist

Noorden Karl von, Internist. * Bonn, 13. 9. 1858; † Wien, 26. 10. 1944. Absolv. das Med.Stud. an den Univ. Tübingen, Freiburg i. Br. und Leipzig, 1881 Dr. med. Seine Ausbildung erfuhr er am Physiolog. Inst. unter Hensen in Kiel, an der chirurg. Abt. unter Hagedorn in Magdeburg und an der med. Klinik unter Riegel in Gießen. 1885 Habil. an der Univ. Gießen. 1887 wurde N. 1. Ass. Gerhards in Berlin, 1893 tit. ao. Prof. 1894 wurde er Dir. der inneren Abt. des Städt. Krankenhauses in Frankfurt a. Main. N. veranlaßte dort die Errichtung eines Speziallaboratoriums für Messungen des Energieumsatzes, wohl das erste dieser Art. 1895 gründete er mit Lampé eine Privatklinik für Zuckerkranke und für diätet. Kuren, die bald zu einem Inst. von internationaler Bedeutung heranwuchs. 1906 wurde N. als Nachfolger Nothnagels o. Prof. und Vorstand der I. med. Klinik in Wien. 1913 übernahm er wieder die Leitung des inzwischen ausgebauten Lampéschen Sanatoriums in Frankfurt a. M., 1930 kehrte er nach Wien zurück, um die Leitung der durch die Initiative Tandlers errichteten Sonderabt. für Stoffwechselerkrankungen, Ernährungsstörungen und diätet. Heilmethoden am Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz zu übernehmen. 1935 i. R. N.s Forschungen galten vor allem der Physiol. und Pathol. des Stoffwechsels und der Pathol. und Therapie der Magen-Darmerkrankungen. Er wies als erster auf die Beeinflussung des Fettstoffwechsels durch den beim Diabetes gestörten Abbau der Kohlehydrate hin und gab damit eine Erklärung für das Auftreten der Azetonkörper im Harn bei schwerer Zuckerkrankheit. In der Ära vor der Entdeckung des Insulins hatte N.s Haferkur beim Diabetes die besten Erfolge. Er führte den Begriff der Weißbroteinheiten ein und leistete auch nach Entdeckung des Insulins wesentliche Beitrr. zur Verbesserung der Therapie. N. brach mit der geltenden Anschauung, daß sich die Therapie aus der Diagnose von selbst ergäbe. Ihm ist eine stärkere Betonung der Therapie zu danken. In der Ernährungslehre habe die wiss. Forschung die Brücke zwischen Erfahrung und biolog. Geschehen zu bauen. Er empfahl u. a. die „Zick-Zack-Kost“, bei der der gewohnte Speisezettel kurzfristig durch eine völlig anders geartete Ernährung abgelöst wird, um die Verdauungs- und Ausscheidungsorgane gleichmäßig in Anspruch zu nehmen. Sein Bemühen ging dahin, die Diätetik auf das Gesamtgebiet der inneren Med. zu erstrecken. So begründete er die Schrotkostbehandlung der spast. Obstipation. N.s Initiative und organisator. Leistung ist die 1911 in Wien erfolgte Errichtung der für ihre Zeit schönsten und zweckmäßigsten med. Klinik im dt. Sprachraum zu danken. Ein Röntgeninst., ein bakteriolog. und ein chem. Laboratorium und eine Diätküche waren wesentliche Neuerungen des Hauses.

W.: Beitrr. zur Lehre vom Stoffwechsel des gesunden und kranken Menschen, 1892–95; Lehrbuch der Pathol. des Stoffwechsels, 1893, 2. Aufl.: Hdb. der Pathol. des Stoffwechsels, 2 Bde., 1906–07; Die Zuckerkrankheit und ihre Behandlung, 1895, 8. Aufl. gem. mit S. Isaac, 1927; New Aspects of Diabetes, 1912; Klinik der Darmkrankheiten, 1920; Hdb. der allg. Diätetik, 1921; Über Durchfalls- und Verstopfungskrankheiten und die Grundsätze ihrer Behandlung, gem. mit S. Isaac, 1922; Verordnungsbuch und diätet. Leitfaden für Zuckerkranke, 1923, 9.–10. Aufl., gem. mit S. Isaac, 1932; Hausärztliche und Insulin-Behandlung der Zuckerkrankheit, 1925; etc. Hrsg.: Smlg. klin. Abhh. über Pathol. und Therapie der Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen, 1900; Zentralbl. für die gesamte Physiol. und Pathol. des Stoffwechsels, 1901 ff.
L.: N. Fr. Pr. vom 17. 10. 1906, 2. 3. und 7. 12. 1912 und 26. 1. 1913; WMW, Jg. 108, 1958, S. 731 ff.; Österr. Ärzte als Helfer der Menschheit, in: Notring-Jb., 1957, S. 113; Fischer; Pagel; Kürschner, Gel. Kal., 1925–35; Wer ist wer?; Wer ist’s? 1905–35; Schönbauer, S. 352 f.; H. Wycklicky, Die Wr. med. Klinik als Zentrum der Stoffwechselforschung, in: Österr. Ärzteztg., 1975, H. 3.
(M. Jantsch)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 32, 1976), S. 147
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