Ossoliński, Józef Maksymilian Gf. von Tenczyn (1754–1826), Sammler, Mäzen, Historiker und Literaturhistoriker

Ossoliński Józef Maksymilian Gf. von Tenczyn, Sammler, Mäzen, Historiker und Literaturhistoriker. Geb. Wola Mielecka, Kg.reich Polen (PL), 1748 oder 1754 (getauft 8. 6. 1754); gest. Wien, 17. 3. 1826. Aus altem, begütertem kleinpolnischem Adel stammend. – O. wurde am Collegium nobilium der Jesuiten in Warschau erzogen, bewegte sich im aufgeklärten Gelehrtenkreis um König Stanisław August, beschäftigte sich mit Schriftstellerei, wissenschaftlichen Studien zur Geschichte, Literaturgeschichte und Rechtskunde und übersetzte lateinische Klassiker. Nach der ersten Teilung Polens von seinem schöngeistigen Warschauer Kreis abgeschnitten, wandte er sich der Verwaltung seiner Familiengüter in Galizien zu und nahm aktiven Anteil am Standesleben, so protestierte er gegen die 1789 von Joseph II. in Kraft gesetzte „Urbarialregulierung“. 1790 stand O. an der Spitze einer galizischen Delegation, die bei Leopold II. eine eigene Verfassung für Galizien („Charta Leopoldina“) erwirken wollte. 1790–93 absolvierte er ausgedehnte Bildungsreisen nach Böhmen und Mähren sowie in mehrere deutsche Städte, 1793 nahm er als Vertreter des Königreichs Galizien und Lodomerien ständigen Aufenthalt in Wien. Von hier aus entfaltete er in den nächsten Jahrzehnten eine für seine Heimat sehr fruchtbare Tätigkeit, der seine enge Beziehung zum Leiter der österreichischen Außenpolitik, Baron Franz von Thugut, zugutekam. O. erwarb eine Liegenschaft in der Vorstadt Wieden, gegenüber dem Theresianum, und führte ein offenes Haus für Gelehrte und Studierende. 1806 ließ er sich in Baden bei Wien eine Sommerresidenz erbauen (später Schloss Braiten), in der u. a. →Ludwig van Beethoven zu Gast war (1816). 1808–23 war O. Kurator des Galizischen Landwirtschaftsinstituts in Wien, wurde zum Wirklichen Geheimen Rat und Kämmerer ernannt (1808) und hatte als Oberst-Landmarschall (1817) und Oberst-Landhofmeister (1825) die beiden höchsten Würden des Königreichs Galizien und Lodomerien inne, war Kommandeur des St. Stephans-Ordens (1817), Dr. h. c. der Universität Lemberg (1820) und Mitglied mehrerer gelehrter Gesellschaften. Von 1809 bis zu seinem Tod war O. Präfekt der Kaiserlichen Hofbibliothek, die unter seiner Leitung, vor allem durch das Engagement von →Bartholomäus Kopitar, zu einem Zentrum besonders der slawischen philologischen Forschung wurde. O.s Hauptinteresse galt stets den vaterländischen Wissenschaften: Er schuf eine umfangreiche Privatbibliothek, die alle kulturellen Lebensäußerungen des polnischen Volkes umfassen und als Nationalbibliothek für Galizien fungieren sollte, zusätzlich bereichert um bibliophile und museale Sammlungen anderer Stifter. Schon in ihrer Wiener Anfangszeit, bei der von O. finanzierten Arbeit am monumentalen polnischen Wörterbuch von Samuel Bogumił (Gottlieb) Linde, O.s erstem Privatbibliothekar (1794–1803), bewährte sich die Sammlung als wissenschaftliche Werkstatt. Kaiser →Franz II. (I.) genehmigte 1809 die Bibliotheksstiftung und übernahm 1817 offiziell deren Ehrenschutz. Die Verwirklichung seines Projekts sollte den 1823 erblindeten O. bis zu seinem Tod beschäftigen. 1827 wurde die Bibliothek nach Lemberg gebracht, wo sie in das vom Gründer erworbene und nach Plänen von →Peter Nobile umgebaute ehemalige Karmeliterinnenkloster einzog und in der Folgezeit als Nationalinstitut „Ossolineum“ (Zakład Narodowy imienia Ossolińskich) zu einem Kristallisationspunkt für das Wiedererstehen Polens wurde; 1946 übersiedelte das Institut mit einem Teil seiner Bestände nach Breslau (Wrocław). O.s schriftlicher Nachlass ist sehr umfangreich, die meisten seiner Arbeiten blieben unveröffentlicht, einige wurden posthum in der Ossolineums-Zeitschrift „Czasopismo Naukowe“ gedruckt. Von O.s Hauptwerk, der groß angelegten ersten polnischen Literaturgeschichte, sind zu seinen Lebzeiten nur drei Bände erschienen.

W. (s. auch Dawni pisarze Polscy …): Wiadomości historyczno-krytyczne do dziejów literatury polskiej 1–3, 1819–22, 4, 1851; Historia życia i panowania Zygmunta I., in: Czasopismo Naukowe, 1830–32; Początki Sławian, ebd., 1831–33; Wieczory badeńskie 1–2, 1852; Übersetzung und literarische Bearbeitung von Werken lateinischer (Livius, Seneca) und griechischer (Homer, Xenophon, Lukian v. Samosata) Autoren etc.;
L.: PSB; Wurzbach; B. Gubrynowicz, J. M. O., 1928; Zakładu Narodowego imienia Ossolińskich ustawy, przywileje i rzeczy dziejów jego dotyczące, ed. W. Bruchnalski, 1928; Księga pamiątkowa 150–lecia Z. N. im. Ossolińskich, red. B. Olszewicz, 1967; W. Jabłońska, J. M. O., 1967; Bibliografia literatury polskiej „Nowy Korbut“ 5, 1967, S. 249–262; A. Kosiński, Biblioteka fundacyjna J. M. O., 1971; Korespondencja J. M. Ossolińskiego, ed. W. Jabłońska, 1975; L. Puchalski, Vom Parnassus Ossolinianus zur Nationalschatzkammer, in: Speicher des Gedächtnisses, ed. M. Csaky, 2, 2001, S. 57–80; Dawni pisarze Polscy od początków piśmiennictwa do Młodej Polski 3, 2002, S. 137–143 (m. W. u. L.); E. Hüttl-Hubert, Die Wiener Jahre des Grafen J. M. O., in: Polens historische Schätze. Das Nationalinstitut Ossolineum zu Gast in Wien, red. St. Trela, Wien 2009, S. 39–56 (Kat.).
(E. Hüttl-Hubert)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 33, 1977), S. 260
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