Ottenthaler von Ottenthal, Emil (1855-1931), Historiker

Ottenthaler von Ottenthal Emil, Historiker. * Sand i. Taufers (Südtirol), 15. 6. 1855; † Wien, 5. 2. 1931. Aus alter Tiroler Beamtenfamilie, Großneffe des Folgenden; stud. an den Univ. Innsbruck (J. v. Ficker, s. d., A. Huber, s. d.), Wien (Sickel) und Berlin (Waitz, Wattenbach, Mommsen, Nitzsch) Geschichte. Als Mitgl. des Inst. für österr. Geschichtsforschung (1875–77) wurde er von Sickel entscheidend beeinflußt. Seine ersten wiss. Arbeiten (ab 1879) betrafen die Geschichte Südtirols; 1886 regte er die Erforschung der kleineren Archive Tirols, der Kirchen-, Gemeinde- und Adelsarchive, an und gab als Ergebnis derselben gem. mit Redlich die „Archiv-Berichte aus Tirol“ heraus, in denen er selbst ca. 8000 Urkundenregesten der Archive Südtirols bearbeitete; das mustergültige Werk wurde von einer Reihe dt. Länder zum Vorbild genommen. 1880 Habil. für Geschichte an der Univ. Innsbruck. 1880–82 Mitarbeiter der von Sickel begründeten und geleiteten Wr. Diplomata-Abt. der „Monumenta Germaniae Historica“ zur Hrsg. der Diplome Heinrichs I. und der Ottonen. 1882–90 war er mehrmals als Stipendiat und dann zeitweise in Vertretung Sickels als Leiter an dem 1881 gegründeten österr. Hist. Inst. in Rom tätig; er hatte dort die Aufgabe, das Kanzlei- und Registerwesen der Päpste des Spätmittelalters vom 13.–15. Jh. zu erforschen. Diese röm. Arbeiten sind bis heute für die Kenntnis der päpstlichen Diplomatik von grundlegender Bedeutung geblieben. Am Beginn der 90er Jahre übernahm O. im Anschluß an die seinerzeitige Mitarbeit an der Hrsg. der otton. Diplome unter der Leitung Fickers im Rahmen der Neubearb. von Böhmers „Regesta Imperii“ die Bearb. der Regesten Heinrichs I. und Ottos I. Aus diesen langjährigen Forschungen zur dt. Kaisergeschichte erwuchs eine Reihe wertvoller und method. ausgezeichneter Sonderuntersuchungen. 1889 wurde er ao., 1893 o. Prof. an der Univ. Innsbruck, 1904 o. Prof. an der Univ. Wien und Vorstand des Inst. für österr. Geschichtsforschung, an dem er zeitgemäße Umgestaltungen und Erweiterungen vornehmlich am Lehrapparat und an der Bibl. vornahm und welches er in Fortführung der Sickelschen Traditionen als Univ. Inst. für das höhere Geschichtsstud., als Fachschule für die Ausbildung der wiss. Archivare, Bibliothekare und Mus.Beamten und als Forschungsanstalt für wiss. Arbeitsunternehmungen großen Stiles planmäßig weiter entwickelte. 1904 begründete er die neue (III.) Wr. Diplomataabt. zur Hrsg. der Diplome Lothars v. Supplinburg und der älteren Staufer und leitete dieselbe bis 1926. 1904–26 war er Mitgl. der Zentraldion. der „Monumenta Germaniae Historica“, 1904–29 Leiter der Neubearb. von Böhmers „Regesta Imperii“, 1904–31 geschäftsführender Leiter der Komm. für Neuere Geschichte Österr. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, war O. u. a. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien (1902 korr., 1904 w. Mitgl.), München und Budapest.

W.: Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV., in: MIÖG, Erg. Bd. 1, 1885; Archiv-Berr. aus Tirol, 4 Tle., gem. mit O. Redlich, in: Mitt. der 3. (Archiv-)Section der k. k. Zentralkomm. für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und hist. Denkmale, Bd. 1–4, 1888–1912; Die Regesten des Kaiserreiches unter Heinrich I. und Otto I. 919–73, in: J. F. Böhmer, Regesta Imperii 2, Abt. 1, 1893, Nachdruck mit Erg. von H. H. Kaminsky, 1967; L’administration du Frioul sous les patriarches d’Aquilée, in: Mélanges P. Fabre, 1902; Das Memoirenhafte in Geschichtsquellen des frühen Mittelalters, in: Almanach Wien, 1905; zahlreiche Abhh., Literaturberr. und Rezensionen in MIÖG, Archivio storico Italiano etc. Hrsg.: Regulae cancellariae apostolicae. Die päpstlichen Kanzleiregeln von Johannes XXII. bis Nicolaus V., 1888; Lotharii III diplomata nec non et Richenzae imperatricis placita, gem. mit H. Hirsch, in: Monumenta Germaniae Historica, Diplomata regum et imperatorum Germaniae, Bd. 8, 1927; etc.
L.: Der Schlern, Bd. 3, 1922, S. 188 ff., Bd. 6, 1925, S. 141 ff., 166 ff.; MIÖG, Bd. 45, 1931, S. 271 ff.; Almanach Wien, 1931; Feierl. Inauguration, 1931/32; Neues Archiv der Ges. für ältere dt. Geschichtskde., Bd. 49, 1932, S. 553 f.; Festschrift zu Ehren E. v. O.s, in: Schlern-Schriften, Bd. 9, 1925 (mit Werksverzeichnis); Kürschner, Gel. Kal., 1925–30; Kosch, Das kath. Deutschland; R. Meister, Geschichte der Akad. der Wiss. in Wien 1847–1947, in: Denkschriften Wien, Bd. 1, 1947, s. Reg.; Th. v. Sickel, Röm. Erinnerungen, hrsg. von L. Santifaller, in: Veröff. des lnst. für österr. Geschichtsforschung, Bd. 3, 1947, s. Reg.; Santifaller, n. 70; Lhotsky, s. Reg.
(L. Santifaller)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 33, 1977), S. 269f.
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