Palisa, Johann (1848-1925), Astronom

Palisa Johann, Astronom. * Troppau (Opava, österr. Schlesien), 6. 12. 1848; † Wien, 2. 5. 1925. Sohn eines Viktualienhändlers; stud. 1866–70 an der Univ. Wien Mathematik und Astronomie, wurde aber erst 1884 zum Dr. phil. promov. 1870 wurde P. Ass. an der (alten) Univ.-Sternwarte in Wien, 1871 Adjunkt an der Sternwarte in Genf, 1872 Dir. des k. u. k. Marine-Observatoriums in Pola, 1880 Erster Adjunkt an der neuen Univ.Sternwarte in Wien-Währing, 1908 Vizedir., 1919 als Hofrat mit dem Recht auf Fortsetzung seiner Beobachtungen pensioniert. 1883 nahm er an der französ. Sonnenfinsternisexpedition auf das Carolina-Atoll teil, wobei er die Nichtexistenz des damals vermuteten intramerkuriellen Planeten nachwies. Schon in Pola wandte sich P. neben dem pflichtmäßigen astronom. Zeitdienst für die Marine der Beobachtung von Planetoiden zu, von denen er insgesamt 121 neu entdeckte. Noch viel größer ist die Zahl jener Planetoiden, deren Bahnen er durch fortgesetzte genaue Messungen oder durch Wiederfinden verloren geglaubter Objekte sicherte. Der Planetoid Albert (n. 719, 1911) war wegen seiner großen Bahnexzentrizität P.s bemerkenswerteste Entdeckung. 1893 kam er mit Wolf in Heidelberg dahin überein, daß dieser vor allem die planmäßige photograph. Suche nach neuen Planeten betreiben, P. selbst aber die entdeckten Objekte mit dem Wr. Refraktor in weite Entfernungen verfolgen sollte. Trotzdem gelangen P. noch zahlreiche weitere Neuentdeckungen. Als unentbehrliche Voraussetzung für die visuelle Identifizierung lichtschwacher Planetoiden zeichnete P. nach und nach mehrere Hunderte Aufsuchungskarten von Ekliptikfeldern aufgrund eigener Messungen bis herab zur Grenzhelligkeit des Wr. Großen Refraktors. Als Entlastung von dieser zeitraubenden Vorarbeit sollten die photograph. Sternkarten dienen, die er in Zusammenarbeit mit Wolf ab 1902 in jährlichen Lieferungen herausbrachte, bis Krieg und Geldentwertung den Abbruch des Unternehmens erzwangen, das vorbildlich für die Johannesburger Sternkarten des Südhimmels wurde. Als Nachschlagewerk geeigneter Anschlußsterne für genaue Ortsmessungen der Planetoiden legte P. ein „Sternlexikon“ an, beispielgebend für ähnliche größere Werke in Berlin und in Hamburg. Mit gleicher Umsicht hat er zwei Sternkataloge aus Meridiankreisbeobachtungen der Privatsternwarte von M. v. Kuffner (s. d.) in Wien-Ottakring und der alten Wr. Univ.Sternwarte kompiliert. Als erfahrener Beobachter entwickelte P. mancherlei Verbesserungen an vorhandenen Instrumententypen, von denen das Chronodeik, ein handliches Gerät zur Zeitbestimmung aus korrespondierenden Sonnen- oder Sternhöhen, auch in Amateurastronomenkreisen Verbreitung fand. Seiner Initiative verdankte das Marine-Observatorium einen modernen Meridiankreis. In Wien bewog er A. Rothschild zu bedeutenden Instrumentenstiftungen, unter denen das in einem eigens dafür errichteten Gebäude untergebrachte Équatoréal Coudé mit einem der größten damaligen Spektrographen hervorzuheben ist. Leidenschaftlicher Beobachtungseifer, Umsicht und Ausdauer machten P. unstreitig zum erfolgreichsten beobachtenden Astronomen, den Österr. hervorgebracht hat. Er genoß im In- und Ausland (Gastvorträge in Paris und Oxford) hohes Ansehen und war u. a. Preisträger der Académie des Sciences in Paris 1876 (Lalandepreis) und 1906 (Valtzpreis). Nebenbei war P. ein Pionier des Radsports in Österr., begeisterter Tourenfahrer und zeitweilig Obmann des Wr. Clubs der Herrenfahrer.

W.: Beobachtungen während der Sonnenfinsternis von 1883, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl., Bd. 88, Abt. 2, 1884; Das Chronodeik, in: Astronom. Kalender der k. k. Sternwarte in Wien, 1889; Katalog von 1238 Sternen . . ., gem. mit F. Bidschof, in: Denkschriften Wien, math.-nat. Kl., Bd. 67, 1899; Photograph. Sternkarten, gem. mit M. Wolf, 11 Lfg., 210 Bll., 1902–26; Sternlex . . . . von –1° bis + 19° Declination, in: Annalen der k. k. Sternwarte Wien 17, 1902; Katalog von 3458 Sternen . . ., gem. mit J. Holetschek, ebenda, 19, 1908; viele kleinere Veröff. über Beobachtungen, Instrumente und Sternkarten in Astronom. Nachr., Bd. 80–222, 1873–1924, Comptes Rendus de l’Acad. des Sciences, Bd. 80–86, 1875–78; Planeten- und Kometenbeobachtungen in Annalen der k. k. Sternwarte Wien 2–23, 1882–1919; zahlreiche populäre Abhh. in verschiedenen Z.
L.: RP vom 3., N. Fr. Pr. vom 4. 5. 1925; Vjs. der Astronom. Ges. 60, 1925, S. 187 ff.; Astronom. Nachr. 225, 1925, S. 125 ff.; J. Rheden, J. P. Lebensschilderung, 1925; K. Ferrari d’Occhieppo, J. P., in: 1000 Jahre Österr., hrsg. von W. Pollak, Bd. 2, 1974, S. 398 ff.; Eisenberg, 1893, Bd. 2; Österr. Naturforscher, Ärzte und Techniker, 1957, S. 32 ff.; Poggendorff 3–6; Dictionary of Scientific Biography 10, 1974; Kosch, Das kath. Deutschland; Masaryk; Otto 19, Erg. Bd. IV/2.
(K. Ferrari d’Occhieppo)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 34, 1977), S. 300f.
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>