Pastor von Camperfelden, Ludwig Frh. (1854-1928), Historiker

Pastor von Camperfelden Ludwig Frh., Historiker. * Aachen, 31. 1. 1854; † Innsbruck, 30. 9. 1928. Sohn eines Kaufmannes; wurde bis zum Tod seines protestant. Vaters 1864 evang. erzogen und wuchs in Frankfurt a. Main im antipreuß. großdt.-österr. orientierten Kreise der Familien Schlosser und Brentano auf. Die ihn dort prägende Kulturkampfmentalität verblieb ihm Zeit seines Lebens. Von seinem Frankfurter Geschichtslehrer Janssen stark beeinflußt, stud. er ab 1875 an den Univ. Löwen, Bonn, Berlin, Wien und Graz (1878 Dr. phil.) Geschichte. 1877/78 wohnte er in Wien im Hause des Historikers O. Klopp (s. d.), wo Kontakte zu Erzh. Franz Ferdinand (s. d.) angeknüpft wurden. Seine Ernennungen an der Univ. Innsbruck (1881 Priv.Doz. für Neuere Geschichte, 1886 ao., 1887 o. Prof.) konnten nur auf polit. Wege durchgesetzt werden. 1901 wurde er als Nachfolger Sickels Dir. des Österr. Hist. Inst. in Rom, ab 1920 war er auch österr. Gesandter beim Hl. Stuhl. 1908 nob., 1916 Frh., 1906 korr., 1926 w. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien. P.s größte Leistung ist die Bearbeitung der Biographien der Päpste von der Renaissance bis zur Zeit Napoleons, eine ungeheure Materialsmlg., die nur mit Hilfe zahlreicher Mitarbeiter, unter denen bes. die Jesuiten hervorragen, bewältigt werden konnte. Als Leo XIII. 1883 das Vatikan. Archiv allg. zugänglich machte, war P. der erste Historiker, der es ohne Beschränkungen benützen konnte. Die Arbeit an den Papstbiographien beanspruchte P. so stark, daß er seine Tätigkeit an der Innsbrucker Univ. immer mehr einschränken mußte. Seine integralist. Haltung, die ihn auch in den Modernistenstreit verwickelte, verhinderte ebenso ein tieferes Verständnis für die Entwicklung der Institution des Papsttums wie seine dogmat.-kanonist. Bewertung der Geschichte vom Standpunkt der röm. Kurie seiner Zeit aus. Sein Versuch, im Streit um den Jesuiten Michael (s. d.) die Görres-Ges. zu spalten, brachte ihm die bleibende Gegnerschaft der nicht ultramontanen Kreise. P.s „Geschichte der Päpste“ ist als Materialsmlg. und Möglichkeit, den Historiker in hermeneut. Denken einzuführen, von bleibendem Wert. Alle anderen Schriften gehören entweder zum Kontext der Papstbiographien oder tragen autobiograph. Charakter.

W.: Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, 22 Bde., 1886–1933, Neuaufl., 16 Bde., 1955–61; Tagebücher – Briefe – Erinnerungen, hrsg. von W. Wühr, 1950 (mit Bibliographie); etc.
L.: Revue d’histoire ecclésiastique 46, 1951, S. 192 ff.; Sbb. Wien, phil.-hist. Kl., Bd. 254, 1968, S. 1 ff.; Tiroler Heimat 33, 1969, S. 53 ff.; Der Schlern, Bd. 44, 1970, S. 291 ff.; Tiroler Heimatbll, 1970, S. 87 ff.; C. Bauer, L. v. P., in: Ges. Aufsätze, 1965, S. 466 ff.; A. Haidacher, Der Geschichtsschreiber der Päpste, in: A. H., Geschichte der Päpste in Bildern, 1965, S. 1 ff.; Buchberger; Enc. Catt.; N. Österr. Biogr., Bd. 7, 1931, S. 201 ff.; H. v. Srbik, Geist und Geschichte vom dt. Humanismus bis zur Gegenwart, Bd. 2, 1951, s. Reg.; G. Oberkofler, Die geschichtlichen Fächer an der Philosoph. Fak. der Univ. Innsbruck 1850–1945, in: Veröff. der Univ. Innsbruck 39, 1970, s. Reg.; W. Baum, E. Michael (1852–1917), Persönlichkeit, Leben und Werke, in: Z. für kath. Theol. 93, 1971, S. 182 ff.; ders., J. Janssen (1829–91), Persönlichkeit, Leben und Werke, phil. Diss. Innsbruck, 1971; ders., I. Ph. Dengel (1872–1947), in: Tiroler Heimatbll., 1972, S. 63 ff.; ders., Zur Kirchenpolitik Erzh. Franz Ferdinands, in: Kirche und Staat in Idee und Geschichte des Abendlandes. Festschrift zum 70. Geburtstag von F. Maaß SJ, hrsg. von W. Baum, 1973, S. 307 ff.
(W. Baum)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 7 (Lfg. 34, 1977), S. 338
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