Pichler, Karoline; geb. von Greiner (1769-1843), Schriftstellerin

Pichler Karoline, geb. v. Greiner, Schriftstellerin. * Wien, 7. 9. 1769; † Wien, 9. 7. 1843. Tochter des 1771 nob. Hofrates F. v. Greiner und der k. Kammerdienerin und Vorleserin Ch. Hieronymus, Gattin des Beamten Andreas P. (ab 1796), Schwägerin des Buchdruckers Anton A. P. (s. d.) und der Buchdruckerin Elisabeth P. (s. d.), Großtante des Verlegers Franz P. (s. d.); aufgewachsen im Geist des Josephinismus, wurde sie durch den gesellschaftlichen Umgang ihrer Eltern, in deren Salon die bedeutendsten geistigen Größen Wiens verkehrten, schon früh in die Bildungssphäre ihrer Zeit eingeführt. Ihre ästhet. Bildung verdankte sie vor allem Alxinger, Haschka (s. d.) und G. Leon (s. d.), die frühe Lektüre von Geßners „Idyllen“, Miltons „Verlorenem Paradies“ und Klopstocks „Messias“ war von bleibendem Einfluß auf ihr dichter. Schaffen. Ihr erstes Gedicht publ. sie im „Wienerischen Musenalmanach auf das Jahr 1782“, ihre erste größere Veröff. („Gleichnisse“, 1800) geschah auf Anraten ihres Gatten. 1804 übersiedelte P. mit ihrer Familie in das Haus der Eltern, deren geselligen Kreis sie, bes. nach dem Tod der Mutter, weiterpflegte. Zu P.s Gästen gehörten u. a. F. und D. Schlegel, Z. Werner, Hammer-Purgstall (s. d.), Vierthaler, Grillparzer (s. d.), A. Müller (s. d.) und Hormayr (s. d.), der schon im Salon ihrer Eltern verkehrt hatte und dessen Einfluß P.s Interesse an hist. Stoffen zuzuschreiben ist. Ihr in mehrere Sprachen übersetzter romant.-religiöser Briefroman „Agathokles“, aus der Auseinandersetzung mit Gibbon entstanden, wurde von Goethe sehr geschätzt und weist P. bereits als Wegbereiterin des hist. Romans aus. Die Vorliebe für patriot. Stoffe, die die Literatur der Zeit prägte, zeigte sich auch in ihren nächsten Dramen (z. B. „Heinrich von Hohenstaufen“, 1813) und Balladen in der Nachahmung Bürgers, Herders und Schillers. P. beschäftigte sich auch theoret. viel mit Phil. und Literatur. Nach dem Tode ihres Mannes (1837) zog sie sich immer mehr vom gesellschaftlichen Leben zurück und widmete sich ihren Enkeln, dem Zoologen A. Pelzel v. Pelzeln (s. d.) und den Schriftstellerinnen F. und M. Pelzel v. Pelzeln (s. d.). Ihre Memoiren, „Denkwürdigkeiten aus meinem Leben“, sind von hohem kultur- und literarhist. Interesse. P., deren Werke in viele Sprachen übers. wurden, ist eine symptomat. Erscheinung für die Zeit des Übergangs vom Josephinismus zur Restauration und für die Entwicklung der bürgerlichen Geisteshaltung. Ihre Bedeutung als Almanach- und Taschenbuchautorin wäre neu zu überdenken.

W.: Gleichnisse, 3 Tle., Neuausg. 1810; Leonore, ein Gemälde aus einer großen Welt, 2 Tle., 1804; Erz., 2 Tle., 1812; Bibl. Idyllen, 1812; Neue dramat. Dichtungen, 1818; Ueber Wahrheit im Erkennen, Denken und Empfinden, in: Minerva, 1824; Christkath. Gebetbuch für Frauenzimmer aus gebildeten Ständen, 1833; Ueber die Charaktere in den jetzigen Romanen und dramat. Dichtungen, in: Der Telegraph, 1837; Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, 4 Bde., hrsg. von F. Wolf, 1844, Neuaufl., 2 Bde., hrsg. von E. K. Blümml (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr. 5–6), 1914; etc. Romane: Olivier, 2 Tle., 1802, Neuaufl. 1803; Agathokles, 3 Tle., 1808; Die Gf. v. Hohenberg, 2 Bde., 1811; etc. Zahlreiche Veröff. in Z., Ztg. und Taschenbüchern, wie Dt. Mus., Ztg. für die elegante Welt, Taschenbuch für die vaterländ. Geschichte, Urania, Aglaja, Huldigung den Frauen etc. Sämmtliche Werke, 24 Bde., 1813–20, Neuaufl., 53 Bde., 1820–1840; Sämmtliche Werke, 60 Bde., 1828–44; Anthol. aus den Sämmtlichen Werken (= Familienbibl. der dt. Classiker 95), 1844; K. P., Auswahl aus dem Werk, hrsg. von K. Adel (= Österr.-Reihe 371/73), 1970.
L.: ADB; Graeffer–Czikann; Groner; Nagl–Zeidler–Castle, Bd. 3, s. Reg.; Wurzbach; H. Gross, Deutschlands Dichterinnen und Schriftstellerinnen, 2. Aufl. 1882; E. K. Blümml, Einleitung zu: K. P., Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, Bd. 1 (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr. 5), 1914; A. Robert, L’idée nationale autrichienne et les guerres de Napoléon. L’apostolat du Baron de Hormayr et le salon de C. P., 1933; R. Wild, Die hist. Romane der C. P. mit Rücksicht auf die Einflüsse W. Scotts, phil. Diss. Wien, 1935; L. Jansen, K. P.s Schaffen und Weltanschauung im Rahmen ihrer Zeit, 1936; G. Prohazka, Der literar. Salon der K. P., phil. Diss. Wien, 1947; A. Neunteufel-Metzler, K. P. und die Geschichte ihrer Zeit, phil. Diss. Wien, 1949; K. Wache, Jahrmarkt der Wr. Literatur, 1966, S. 7 ff.; K. Adel, Einleitung zu K. P., Auswahl aus dem Werk (= Österr.-Reihe 371/73), 1970.
(F. Kadrnoska)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 36, 1979), S. 56f.
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