Polak (Pollak), Ernst; Ps. Ernst Schwenk (1886-1947), Schriftsteller

Polak (Pollak) Ernst, Ps. Ernst Schwenk, E. Sch., E. S., Esch., E. P., Schriftsteller. * Jitschin (Jičín, Böhmen), 4. 8. 1886; † London, 21. 9. 1947 Sohn eines Kaufmannes; legte die Reifeprüfung an der dt. Handelsschule in Prag ab und trat nach Beschäftigung in einer Glasfabrik 1906 als Beamter in die Prager Filiale der Länderbank ein. 1918 kam er gem. mit seiner ersten Frau, Milena Jesenská, nach Wien, wo er sich 1925 als Prokurist der Länderbank pensionieren ließ. 1928 holte er in Mödling (NÖ) die Gymnasialmatura nach, 1928–32 stud. er an der Univ. Wien Phil. und Germanistik, 1932 Dr. phil. P. gehörte dem philosoph. Seminar Schlicks an, aus dem der Wiener Kreis hervorging. 1938 emigrierte er über die Tschechoslowakei nach England, wo er – wie schon in den Jahren vorher – zeitweise mit Lektoratsarbeiten und literar. Agententätigkeit beschäftigt war. P., der als einer der ersten auf die Bedeutung Kafkas (s. d.), Svevos und Cankars (s. d.) hinwies, zählt zu den bedeutenden literar. Anregern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. Bereits in Prag verkehrte er in den führenden literar. Zirkeln, war unter anderem mit Werfel, W. Haas und Kafka befreundet und wurde allmählich zur Mittelpunktsfigur der Prager literar. Kaffeehausszene (Café Arco). Auch in Wien bekam P. rasch Verbindung zu den literar. Kreisen, zuerst im Café Central, dann im Café Herrenhof, wo er der Literatenrunde Blei, Broch, O. und G. Kaus, Kuh, Torberg und Werfel angehörte. Selbst literar. unproduktiv, publ. P. 1927–31 in der von Haas hrsg. „Literarischen Welt“ eine Reihe von bedeutenden Rezensionen, die zu literaturkrit. Essays wurden und sein hochentwickeltes Stilempfinden zeigen. Noch wichtiger ist seine beratende, tw. lektorierende Mitarbeit an Werken wie Brochs „Schlafwandler“-Trilogie, Werfels „Höret die Stimme“ und „Der veruntreute Himmel“ sowie an A. Mahler-Werfels Erinnerungsbuch an G. Mahler (s. d.). K. Kraus (s. d.) setzte P. in seiner mag. Operette „Literatur oder Man wird doch da sehn“, Doderer in der Gestalt des „kleinen E. P.“ in der „Strudlhofstiege“ ein literar. Denkmal. Auch die Figur des Klamm in Kafkas „Schloß“ trägt Züge P.s.

W.: Ein neuer italien. Dichter. Italo Svevo, in: Die literar. Welt 3, 1927, n. 35; I. Cankar, Der Knecht Jernej, ebenda, 5, 1929, n. 46; A. Huxley, Kontrapunkt des Lebens, ebenda, 6, 1930, n. 10; A. Lernet-Holenia und sein neuer Roman, ebenda, 7, 1931, n. 11; Kritik der Phänomenol. durch die Logik, phil. Diss. Wien, 1932; Beitrr. in Der Querschnitt, Voss. Ztg. etc.
L.: H. Binder, E. P. – Ein Literat ohne Werk, in: Jb. der Dt. Schillerges. 23, 1979, S. 366 ff.; D. Sulzer, Der Nachlaß von E. P. im Dt. Literaturarchiv, ebenda, 23, 1979, S. 514 ff.; A.Kuh, Von Goethe abwärts, 1963; M. Buber-Neumann, Kafkas Freundin Milena, 1963; K. Wagenbach, F. Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= rowohlts monographien 91), 1964, s. Reg.; M. Durzak, H. Broch in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= rowohlts monographien 118), 1966, S. 76; J. Urzidil, Da geht Kafka (= dtv 390), 1966, S. 86; W. Sternfeld–E. Tiedemann, Dt. Exil-Literatur 1933–45 (= Veröff. der Dt. Akad. für Sprache und Dichtung Darmstadt 29 A), 2. Aufl. 1970; H. Broch–D. Brody, Briefwechsel 1930–51, hrsg. von B. Hack und M. Kleiß, 1971, s. Reg.; UA Wien.
(E. Lebensaft–V. Suchy)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 37, 1980), S. 167
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