Prantner, Ferdinand; Ps. Leo Wolfram (1817-1871), Beamter und Schriftsteller

Prantner Ferdinand, Ps. Leo Wolfram, Beamter und Schriftsteller. * Wien, 13. 3. 1817; † Wien, 28. 4. 1871. Sohn eines Seidenhändlers; stud. 1833–35 an der Univ. Wien Jus und wurde 1835 als Akzessist in die Wr. Geheime Ziffernkanzlei aufgenommen; 1849, nach deren Auflösung, Hofsekretär in der Ziffernsektion des neuen Min. des Äußeren, 1867 Dion.Adjunkt, 1870 w. HR, Min.Rat und Vorstand des Dep. für Zifferwesen und translator. Arbeiten. 1861 veröff. P. den liberaloppositionellen Tendenzroman „Dissolving views“, der in Form eines Schlüsselromans hohe und höchste Persönlichkeiten im damaligen Wien karikiert, in Österr. von der Zensur verboten wurde und heute als erster polit. Roman in Österr. gilt. Nach Enthüllung seines Ps. geriet P. in Konflikt mit der staatlichen Obrigkeit, behielt aber unter dem Schutz Erzh. Ferdinand Maximilians (s. d.) und Schmerlings, dessen Verfassungswerk er zunächst mit einer anonymen Broschüre begeistert begrüßte, seine mehrfach schwer gefährdete Stellung im geheimen Chiffredienst. Von der Gründung der „Neuen Freien Presse“ bis zu seinem Tode feuilletonist. Mitarbeiter dieses Bl., erhielt P. 1865 nach heftigen Ausfällen gegen die päpstliche Politik offizielles Schreibverbot, an das er sich aber nicht hielt. Während Beusts (s. d.) Ministerschaft hatte er großen Einfluß auf die Dt.Liberalen Wiens, seine Schriften wurden geradezu als Programm adaptiert. Innerhalb seines Amtsbereiches leistete er als Dechiffreur Hervorragendes und galt als bes. Sprachen- und Chiffrentalent. Die von ihm durchgeführte Reform des gesamten Chiffrenwesens blieb bis etwa 1930 in Kraft. P. entwickelte auch wertvolle Aktivitäten auf dem Gebiete der Volksliedkde., machte die Zither in Wien salonfähig und war einer der Pioniere der Wr. Ferienkolonien im Salzkammergut.

W.: An die Freunde des Staats-Ministers, 1861; Wr. Federzeichnungen (Feuilletonsmlg.), 1872. Romane: Dissolving Views, 3 Bde., 1861, 2. Aufl. 1862; Verlorene Seelen, 3 Bde., 1867; Ein Goldkind, 2 Bde., 1867.
L.: R. Prantner, Der erste polit. Roman in Österr. Eine Lebensskizze des Verfassers F. P. (Leo Wolfram), in: Jb. der Grillparzer-Ges. 27, 1924, S. 101 ff.; P. Horwath, Dissolving Views: Der erste kulturkrit. Gegenwartsroman Österr., in: Modern Austrian Literature 10, 1977, n. 1, S. 68 ff.; ADB; Brümmer: Giebisch–Gugitz; Kosch; Kosch, Das kath. Deutschland; Nagl–Zeidler–Castle 3, s. Reg.; Wurzbach (s. unter Prandtner Leopold); A. Reitler, Tschabuschnigg, Wagner, P. Ein Beitr. zur Geschichte des österr. Zeitromanes, phil. Diss. Wien, 1933, S. 90 ff.; R. Karl, Der Kulturtl. der N. Fr. Pr. von 1864–74, phil. Diss. Wien. 1948, S. 20 f.; H. Hubatschke, F. P. (Ps. Leo Wolfram), 1817–71. Die Anfänge des polit. Romans sowie die Geschichte der Briefspionage und des geheimen Chiffredienstes in Österr., 6 Bde., phil. Diss. Wien, 1975; Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wr. Stadtund Landesarchiv, beide Wien.
(H. Hubatschke)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 38, 1981), S. 239
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>