Raimund (Raimann), Ferdinand (1790-1836), Schriftsteller und Schauspieler

Raimund (Raimann) Ferdinand, Schriftsteller und Schauspieler. * Wien-Mariahilf, 1. 6. 1790; † Pottenstein (NÖ), 5. 9. 1836 (Selbstmord). Sohn eines Drechslermeisters; nach Besuch der Normalschule zu St. Anna und dem frühen Tod der wenig bemittelten Eltern wurde R. Zuckerbäckerlehrling und verkaufte als sog. Numero Erfrischungen u. a. im Wr. Hofburgtheater. Er gab diese Tätigkeit 1808 auf, schloß sich kleinen Theatertruppen an und kam nach Auftritten bei der Kunzischen Truppe in Ödenburg (Sopron) und Raab (Győr) 1814 nach Wien an das Josefstädtertheater, wo er u. a. als Franz Moor in Schillers „Räubern“ debut. Gleich (s. d.), Vizedir. des Josefstädtertheaters, schuf mit der Figur des Geigers Kratzerl in der Lokalposse „Die Musikanten am Hohen Markt“ (1815) für R. eine Glanzrolle, die dessen Ruhm begründete, ihm aber auch zugleich wider seinen Willen den Platz auf der Bühne des Wr. Vorstadttheaters und das kom. Rollenfach zuwies, eine Diskrepanz, die auch sein Dramenschaffen widerspiegelt. Ab 1817 gehörte R. dem Ensemble des Leopoldstädtertheaters an. Bis 1823 war er vor allem als Schauspieler tätig, nur hin und wieder fertigte er einzelne Szenen und Einlagen für manche seiner Rollen neu an. Erst der Umstand, daß K. Meisl (s. d.) eine Auftragsarbeit nicht übernehmen konnte, führte dazu, daß R. mit „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ (1823) sein erstes Stück schrieb, 1824 folgte „Der Diamant des Geisterkönigs“. Durch seine Popularität als Schauspieler war R. zum Gegenstand des öff. Interesses geworden, an dessen Privatleben das Wr. Publikum lebhaften Anteil nahm. So sah er sich 1820 zur Eheschließung mit Louise Gleich, der Tochter des Dramatikers, gezwungen, obwohl er innerlich an die Cafetierstochter Toni Wagner gebunden war. Bereits 1822 wurde die Ehe geschieden. R. und Toni bestätigten ihre Verbindung durch ein Treuegelöbnis, jedoch war auch diese Beziehung nicht frei von Konflikten. Die äußere Anerkennung und der materielle Erfolg hatten ihn nicht selbstsicher gemacht, im Gegenteil: seine erfolgreichsten Werke spiegeln jene Spannungen wider, mit denen er zu leben hatte. Dabei war mit „Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär“ (1826) sein Ruhm als Dichter fest begründet. Nach „Moisasurs Zauberfluch“ (1827) und „Die gefesselte Phantasie“ (entstanden 1826, uraufgef. 1828) brachte „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ (1828) für den Schauspieler und Dichter den größten Erfolg, „Die unheilbringende Zauberkrone oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend“ jedoch 1829 einen Mißerfolg. R., der beim Leopoldstädtertheater ab 1821 auch als Regisseur unter Vertrag stand, wurde 1828 dessen Dir., verließ es jedoch bereits 1830. Zahlreiche Gastspiele (München, Hamburg, Prag, Berlin) sowie die erfolgreiche Aufführung des „Alpenkönigs“ in London (1831) trugen seinen Ruhm weit über Wien hinaus. „Der Verschwender“ (1834), R.s letztes Werk, wurde vom Publikum mit Beifall aufgenommen. Als R. in Gutenstein, wo er ab 1834 einen Landsitz besaß, von einem Hund gebissen wurde, erschoß er sich aus Angst vor der Tollwut. Die Art des Todes R.s ist die trag. Konsequenz dieses von Selbstquälerei bestimmten Lebens. Von R.s Werken, die ihre Wirksamkeit nicht zuletzt seiner schauspieler. Leistung verdankten, erschien keines zu seinen Lebzeiten im Druck. Erhalten sind acht Dramen, einige Einlagen, Quodlibets, Gedichte, Briefe, dramat. Entwürfe und eine – in bezug auf ihre Echtheit umstrittene – Autobiographie. Zu R.s Popularität haben auch seine Theaterlieder beigetragen, deren bekannteste (z. B. das Aschenlied, „Brüderlein fein“, „So leb denn wohl, du stilles Haus“, das Hobellied) zu Volksliedern wurden. Die Musik wurde von W. Müller d. Ä., C. Kreutzer (s. d.), J. Drechsler (s. d.) und Ph. J. Riotte geschrieben. R. ist als Schöpfer von Märchendramen und Zauberspielen zu würdigen, deren Handlungskonstruktion meist einem eigenen Einfall verpflichtet war (daher häufig das Attribut „Original“ im Untertitel). Die zeitgenöss. Kritik wie auch die Literaturgeschichtsschreibung hat in Nestroy (s. d.) den Überwinder R.s sehen wollen: R. gilt als der gemüt- und phantasievolle, biedermeierliche Harmonie und vorschnelle Aussöhnung beschwörende Autor, während Nestroy den sarkast.-krit., radikal desillusionierenden Satiriker darstellt, der, in der Konzeption der Dramen kaum schöpfer., Folien aus fremden Vorlagen übernommen und mit seinem Sprachwitz durchsetzt hat. Gewiß erfolgt diese Polarisierung nicht ohne Grund, doch muß auf den gemeinsamen Fundus beider verwiesen werden: die Tradition der Wr. Komödie und die Schauspielpraxis. Genauere Analysen der Stücke R.s führen weg vom Klischee des Biedermeierpoeten, der durch seine Schlußtableaus eine heile Welt, in den märchenhaften Schlüssen einen realitätsfernen Idealismus bekennt, billigen ihnen vielmehr die Kraft der Utopie zu, an der die Gegenwart krit. Maß nehmen könne. In den nachhaltig wirkenden und bis heute mit Erfolg gespielten Stücken („Bauer als Millionär“, „Alpenkönig“ und „Verschwender“) beschwört R. eben jene Gefahren, die auch ihn bedrohten, und sucht sie zugleich zu bannen: Unmäßigkeit als Folge jäh erworbenen Reichtums, Misanthropie und Verschwendungssucht. Der Feenapparat, der bei R.s Vorgängern und Zeitgenossen bedenklich geworden war, gewinnt neue Funktion im Zuge dieses Selbstheilungsprozesses, dessen Wirkung sich erfolgreich auf das Publikum überträgt. Dem aus der Lokaltradition übernommenen Besserungsstück wächst eine neue psycholog. Dimension zu. Die in zahlreichen belletrist. Werken erfolgte sentimentalisierende Verklärung der R. Biographie zur R. Legende wurde in die Dramen projiziert, womit die ökonom., sozialen und psych. Konfliktsituationen, denen sie ihre Entstehung verdankten, in ihrer Härte verkannt bleiben mußten.

Hauptrollen: Rochus Pumpernickel (M. Stegmayer, Pumpernickels Hochzeitstag); Hermann Geßler (F. v. Schiller, Wilhelm Tell); Herr v. Mißmuth (J. A. Gleich, Der Berggeist, oder die drei Wünsche); Ydor (ders., Ydor, der Wanderer aus dem Wasserreiche); Geist (K. Meisl, Das Gespenst auf der Bastei); Fritz (ders., Der lustige Fritz, oder: Schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an und bessere dich); Fortunatus Wurzel (F. R., Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär): Nachtigall (ders., Die gefesselte Phantasie); Herr v. Rappelkopf (ders., Der Alpenkg. und der Menschenfeind); Gluthahn (ders., Moisasurs Zauberfluch); Valentin (ders., Der Verschwender); etc. W.: Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär, Text und Materialien zur Interpretation besorgt von U. Helmensdorfer (= Komedia 11), 1966; Sämmtliche Werke, hrsg. von J. Nep. Vogl, 4 Tle., 1837, Neuaufl., 9 Tle., 1855; Sämmtliche Werke, hrsg. von C. Glossy und A. Sauer, 3 Bde., 1881, 2. Aufl.: Dramat. Werke, 1891, 3. Aufl. 1903; Sämtliche Werke. Hist.-krit. Säkularausg., hrsg. von F. Brukner und E. Castle, 6 Bde. (Bd. 5, Tl. 1 und 2), 1925–34; zahlreiche Auswahl- und Einzelausg. und Übers.
L.: Goedeke, s. Reg.; Wurzbach; H. Kubasta, Die Bildung der R. Legende, phil. Diss. Wien. 1937; H. Kindermann, F. R., 1940, 2. Aufl. 1943; O. Rommel, Die Alt-Wr. Volkskomödie, 1952, s. Reg.; J. Hein, F. R. (= Smlg. Metzler. Literaturgeschichte 92), 1970 (mit Literaturverzeichnis); D. Prohaska, R. and Vienna, 1970; F. Schaumann, Gestalt und Funktion des Mythos in F. R.s Bühnenwerken. 1970; G. Wiltschko, R.s Dramaturgie, 1973; Theater und Ges. Das Volksstück im 19. und 20. Jh., hrsg. von J. Hein (= Literatur in der Ges. 12), 1973; R. Urbach, Die Wr. Komödie und ihr Publikum, 1973, s. Reg.; J. Hein. Das Wr. Volkstheater. R. und Nestroy (= Erträge der Forschung 100), 1978, s. Reg. (Forschungsber.); F. Sengle. Biedermeierzeit 3, 1980, S. 1 ff. Belletrist.: O. Horn, Th. Krones, 5 Bde., 1854, 2. Aufl. 1855; ders., F. R., 3 Bde., 1855.
(W. Schmidt-Dengler)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 40, 1983), S. 394f.
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