Rainoldi, Paul (1781-1853), Tänzer und Mimiker

Rainoldi Paul, Tänzer und Pantomimenmeister. * Mailand, 18. 4. 1781; † Prag, 1. 1. 1853. Sohn eines Bäckermeisters; erhielt in Mailand bei Sedini seine erste tänzer. Ausbildung und trat bereits 1798 als Erster Grotesktänzer im Kinderballett Cerris in Bergamo auf. Über mehrere oberitalien. Städte kam er 1804 nach Wien ans Kärntnertortheater und wurde, von Duport sowie von N. und P. Angiolini weitergebildet, ein ausgezeichneter Grotesktänzer. Ab 1813 war R. mit seiner Gattin Angiolina, geborenen Martignoni (* Mailand, 24. 2. 1796; † Wien, 19. 2. 1849), am Leopoldstädtertheater engagiert, wo beide in der Pantomime als Chevalier bzw. als Colombine brillierten. 1818 wurde R. Pantomimenmeister an diesem Theater und brachte bis zu seinem Ausscheiden 1830 durch reiche Erfindungsgabe – er schrieb und choreographierte ca. 70 Pantomimen – und künstler. Geschmack diese dramat. Gattung zu solcher Blüte, daß man von einem Goldenen Zeitalter der Pantomime sprechen kann. „Die Zauberbirn“ (1824, Musik von F. Volkert) fand sogar die begeisterte Anerkennung des Philosophen Hegel. R. arrangierte auch mit großem Erfolg die Tänze und Gruppierungen aller im Leopoldstädtertheater uraufgef. Stücke Raimunds (s. d.). Nach einem kurzen Engagement am Josefstädtertheater (1830/31) zog sich R. mit seiner Frau ins Privatleben zurück, verlor aber sein Vermögen und war in der Folge an verschiedenen Provinztheatern beschäftigt, bis ihn 1838 F. Pokorny (s. d.) wieder an das Josefstädtertheater holte. Als Nachfolger J. Raabs (s. d.) ging R. 1840 als Ballettmeister ans Prager Ständetheater, wurde aber beim Dion. Wechsel 1846 nicht mehr engagiert und kehrte nach Wien zurück. Unter Pokorny bzw. dessen Sohn Alois (s. d.) Ballettmeister am Josefstädtertheater (1846–48, 1849/50) und am Theater a. d. Wien (1850–52), wirkte er ab 1852 noch einmal am Prager Ständetheater, starb aber bald darauf.

W.: P. R. Ballet- und Pantomimen-Meister (1781–1853). Eine autobiograph. Skizze, in: Jb. der Ges. für Wr. Theaterforschung 1946/47, 1949, S. 60 ff. Pantomimen: Der Sturz des Ikarus, bearb. von J. Brinke (Musik von F. Volkert), 1817; Perseus und Andromeda (Musik von F. Volkert), 1815, Die glückliche Schusterin (Musik von F. Volkert u. a.), 1821, Das Donnerwetter (Musik von F. Carmasini), 1834, Spadifankerl der Scheintodte, 1834, Die ländlichen Scherze (Musik von F. Carmasini), 1838, Der Ritter Tiegerherz, 1838, Das Narrenhaus (Musik von J. Nep. Hummel), 1839, Wo sind die Zeiten der Pantomimen!, 1850, alle Manuskript, Theatersmlg., Österr. Nationalbibl., Wien; etc. Briefe, Hss.Smlg., Wr. Stadt- und Landesbibl., Wien.
L.: (Wr.) Allg. Theaterztg. vom 3. 7. 1846, 5. 2. und 28. 4. 1850, 4. 1. 1853; R. Raab, Grabstätten von Ballettmitgl. des Kärntnertortheaters, der k. k. Hofoper und der Staatsoper, Wien, in: Jb. des Ver. für Geschichte der Stadt Wien 28, 1972, S. 181; Goedeke, s. Reg.; Wurzbach; L. M. Weschel. Die Leopoldstadt bey Wien, 1824, S. 565 f.; F. Gräffer, Kleine Wr. Memoiren und Wr. Dosenstücke, hrsg. von A. Schlossar und G. Gugitz, 2 (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr. 14), 1922, S. 210 f., 384; F. Raimund als Schauspieler, hrsg. von F. Hadamowsky, 1–2 (= F. Raimund, Sämtliche Werke, hrsg. von F. Brukner und E. Castle, 5), 1925, s. Reg.; F. Raimunds Briefe (= F. Raimund, Sämtliche Werke, hrsg. von F. Brukner und E. Castle, 4), 1926, s. Reg.; F. Hadamowsky, Das Theater i. d. Wr. Leopoldstadt 1781–1860 (= Κat. der Theatersmlg. der Nationalbibl. in Wien 3), 1934, s. Reg.; O. Rommel, Die Alt-Wr. Volkskomödie, 1952, s. Reg.; Briefe von und an Hegel, hrsg. von J. Hoffmeister, 3 (= Philosoph. Bibl. 237), 1954, S. 58, 60, 66; H. Kaut, Ein Erinnerungsbuch von 1825 für die Wr. Kaufmannsfamilie Baumann, in: Wr. Schriften 5, 1957, S. 158; F. Glück, Kleine Beitrr. zu Raimunds Leben und Wirken, ebenda, 5, 1957, S. 191 f.; Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wr. Stadt- und Landesarchiv, beide Wien; Mitt. R. Raab, Wien.
(H. Reitterer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 40, 1983), S. 399f.
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