Redl, Alfred (1864-1913), Offizier

Redl Alfred, Offizier. * Lemberg (L’viv), 14. 3. 1864; † Wien, 25. 5. 1913 (Selbstmord). Wurde 1881 aus der Inf.Kadettenschule in Karthaus b. Brünn (Brno-Královo Pole) zum IR 55 assentiert, 1887 Lt. im IR 9, 1892–94 Frequentant der Kriegsschule. Ab 1894 stand er in Gen.Stabsdienstleistung, war ab 1899 (Hptm.) im Evidenzbüro des Gen.Stabes eingeteilt und ab 1901 als Leiter der Kundschaftsgruppe für den offensiven und defensiven Kundschaftsdienst verantwortlich; 1905 Mjr. im Gen.Stab. 1907 rückte er zum Stellvertreter des Chefs des Evidenzbüros auf (1909 Obstlt.), ab 1911 leistete er Truppendienst (1912 Obst. im Gen.Stab). Ab 1912 bekleidete R. den Posten des Gen.Stabschefs des VIII. (Prager) Korps. Wahrscheinlich ab September 1906, spätestens jedoch ab 1907, arbeitete er für den russ. Nachrichtendienst. 1907–10 verschaffte er dem russ. Gen.Stab die vollständige Kenntnis der Organisation und der Arbeitsweise des Kundschaftsdienstes des Evidenzbüros, ermöglichte die tw. Ausschaltung des Konfidenten des Büros in Rußland, verhinderte eine erfolgreiche österr.-ung. Gegenspionage und verriet wesentliche Tle. der Operationsfälle R(ußland) und B(alkan). Der 1913 erkannte Schaden des Verrats von Teilen der Operationspläne konnte durch Neubearb. noch vor Kriegsausbruch 1914 neutralisiert werden. Dem Nachrichtenwesen Österr.-Ungarns wurde jedoch ein nicht hoch genug einzuschätzender Schaden mit Auswirkungen, die bis 1916 reichten, zugefügt. Aufgrund erster Hinweise der dt. Nachrichtenabt. konnte R. durch die Staatspolizei, Polizeidion. Wien, überführt werden. Der von Conrad v. Hötzendorf (s. d.) befohlene Selbstmord R.s kam einem neuerlichen Versagen des Evidenzbüros gleich. Als der Schriftsteller und Journalist E. E. Kisch (s. d.) infolge fehlgeschlagener Vertuschungsversuche den Fall an die Öffentlichkeit bringen konnte, bewirkte dies einen wesentlichen Vertrauensschwund in das höhere Off.Korps als staatstragendes Element.

L.: Neues Wr. Tagbl. vom 21. und 28. 2. 1925 und 17. 12. 1927 (alle Wochenausg); Neues Wr. Tagbl. vom 20. 7. 1930; K. Haensel, Wetterleuchten. Wien im Frühjahr 1913, 1943, Neuaufl.: Kennwort Opernball 13, 1966 (belletrist.); P. Groma, Spionage in Wien. Der Fall des Gen.Stabschefs R., (1955) (belletrist.); J. Osborne, A Patriot for Me, 1956, Neuaufl. (1965) (Drama); R. B. Asprey, The Panther’s Feast, (1959) (mit Literaturverzeichnis), Neuaufl.: De oostenrijkse meesterspion ( = Elsevier Pocket E 53), 1960; J. Reifberger, Die hist. Entwicklung des österr. militär. Nachrichtendienstes, 1969, Manuskript, Prüfungsarbeit am 5. Gen.Stabskurs, KA Wien (mit Literaturverzeichnis); KA Wien.
(P. Broucek)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 41, 1984), S. 7f.
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