Reuss, Leo; eigentl. Leo Moritz Reiss, Ps. Kaspar Brandhofer, Lionel Royce (1891–1946), Schauspieler

Reuss Leo, eigentl. Leo Moritz Reiss, Ps. Kaspar Brandhofer, Lionel Royce, Schauspieler. Geb. Dolina, Galizien (Dolyna, UA), 30. 3. 1891; gest. Manila (RP), 1./2. 4. 1946; mos., ab 1916 röm.-kath., ab 1937 wieder mos. Sohn des Tierarztes Samuel Reiss. – R. übersiedelte als Kind mit seinen Eltern nach Wien, wo er als Gymnasiast Mitschüler Adolf Schärfs war und sich in sozialdemokratischen Schülerorganisationen engagierte. 1913/14 inskribierte er an der Universität Wien Kunstgeschichte und Germanistik und begann im selben Jahr an der Akademie für Musik und darstellende Kunst bei →Armin Seydelmann Schauspiel zu studieren. Ein geplantes Engagement an das Stadttheater Troppau wurde durch den Ausbruch des 1. Weltkriegs verhindert, an dem R., zuletzt als Oberleutnant der Reserve, teilnahm. Nach Stationen am Wiener Komödienhaus in der Nußdorferstraße, an der Neuen Wiener Bühne und den Hamburger Kammerspielen kam er 1922 an das Berliner Staatstheater. Im Jahr darauf erhielt er seine erste kleine Filmrolle als Apostel Bartholomäus im Stummfilmepos „I.N.R.I.“, konzentrierte sich jedoch weiterhin auf die Bühnenarbeit. 1925 wechselte er an die Berliner Volksbühne, an der er ab 1927 auch Regie führte, verließ das Ensemble aber 1929 und trat danach kein längeres Engagement mehr an. R. wirkte in den Filmen „Flachsmann als Erzieher“ und „1914. Die letzten Tage vor dem Weltbrand“ (beide 1930) mit und gründete 1932 gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Agnes Straub, sowie Fritz Genschow das Kollektiv „Theater der Schauspieler“. Danach war er künstlerisch und organisatorisch im Tournee-Ensemble von Agnes Straub tätig. 1933 durfte R. als ehemaliger „Frontkämpfer“ zwar zunächst weiterhin in Deutschland auftreten, doch die antisemitischen Angriffe gegen ihn nahmen zu. Nach Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ flüchtete er 1935 nach Wien, fand aber kein Engagement. R. zog sich daraufhin auf das von Agnes Straub gekaufte Landgut bei Zell am See zurück, erlernte den Dialekt, ließ sich einen Vollbart wachsen und stellte sich schließlich, blond gefärbt und als theaterbegeisterter Bergbauer getarnt, unter dem Namen Kaspar Brandhofer 1936 →Max Reinhardt vor. Dieser empfahl ihn nach Wien, wo R. Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt wurde. Im Dezember dieses Jahres feierte er als Herr von Dorsday in Ernst Lothars Dramatisierung von →Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ einen großen Erfolg und wurde auch in der konservativen bzw. mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden Presse gelobt. Als die Camouflage wenig später aufflog, erregte dies international Aufsehen. R. durfte als Brandhofer-Reuss noch bis zum Ende der Vorstellungsserie auftreten, dann wurde sein Vertrag für ungültig erklärt, und er musste sich Anfang 1937 wegen Dokumentenmissbrauchs und Falschmeldung vor Gericht verantworten. R. gastierte dann an den Jüdischen Künstlerspielen in Wien und wurde noch im selben Jahr von Metro-Goldwyn-Mayer unter Vertrag genommen. In Hollywood wirkte er unter dem Namen Lionel Royce in zahlreichen Propagandafilmen mit, in denen er meist Nazi-Rollen spielte, und trat kurze Zeit in Leopold Jessners Exiltheatergruppe The Continental Players auf. Ab 1941 leitete er die Kulturabteilung des German Jewish Club of 1933. R. starb während einer Truppenbetreuungstournee für amerikanische Soldaten auf den Philippinen. Felix Mitterer nahm R.’ Schicksal zur Vorlage für sein Stück „In der Löwengrube“ (Uraufführung 1998).

Weitere Rollen: s. Haider-Pregler; Ulrich; Weniger, 2008.
L.: Die Fackel, s. Reg.; Hdb. der Emigration 2; A. A. Wittmann, A. Straub, phil. DA Wien, 1992, passim; F. Mitterer, In der Löwengrube, 1998; H. Haider-Pregler, Überlebenstheater. Der Schauspieler R., 1998 (m. B. u. Rollenverzeichnis); Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 2/2, ed. F. Trapp u. a., 1999; R. Ulrich, Österreicher in Hollywood, 2004 (s. Lionel Royce, m. B. u. Filmographie); G. v. Ambesser, Die Ratten betreten das sinkende Schiff. Das absurde Leben des Schauspielers L. R., 2005 (m. B.); F. Torberg, Tiroler Reis-Auflauf, in: ders., Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten und Die Erben der Tante Jolesch, 2008, S. 621–625; K. Weniger, Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933–1945, 2008, S. 286–288 (m. Filmographie); KA, Österreichisches Theatermuseum (Zeitungsausschnittsammlung, m. B.), Universität für Musik und darstellende Kunst, alle Wien.
(E. Offenthaler)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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