Revertera von Salandra, Friedrich Gf. (1827-1904), Diplomat und Politiker

Revertera von Salandra Friedrich Graf, Diplomat und Politiker. * Lemberg (L’viv), 21. 1. 1827; † Brixen (Südtirol), 28. 4. 1904. Aus ursprünglich katalan. Familie; stud. 1846/47 an der Univ. Wien Jus; war dann Konzeptsbeamter in der niederösterr. Landesregierung; 1848 trat er in die Armee ein und machte bei den Savoyenkürassieren die Feldzüge von 1848 und 1849 (Oblt.) in Ungarn bzw. Italien mit. 1850 begann R. seine diplomat. Laufbahn und war an den Botschaften in München, Berlin, Stuttgart, Stockholm und Paris tätig. Ab 1853 beim Ulanenrgt. 8 und 2. Rtm., 1855 1. Rtm., 1857 Kämmerer. 1859 quittierte er ohne Beibehaltung der Charge den Dienst und wurde Legationsrat in St. Petersburg (Leningrad). Nach dem dt.-dän. Krieg bekleidete er 1864 kurzfristig den wichtigen und diffizilen Posten eines Zivilkoär. für Schleswig-Holstein. Anschließend fungierte er als ao. Gesandter in St. Petersburg und war neben der gewichtigen Frage der österr.-russ. Beziehungen stark mit den nationalen und kirchlichen Problemen (Auflösung von kath. Klöstern in russ. Polen, erzwungener Übertritt von unierten Christen zur Orthodoxie etc.) befaßt. 1868 trat er wegen Differenzen mit Beust (s. d.) zurück. 1876 wurde er in den zeitlichen Ruhestand versetzt. R. widmete sich nun der Bewirtschaftung seiner oberösterr. Güter Erlach und Tollet und wurde daneben in der österr. Innenpolitik außerordentlich aktiv. Er wurde 1869 als Vertreter des Großgrundbesitzes oberösterr. Landtagsabg. 1885 Mitgl. der österr.-ung. Delegationen und des Herrenhauses, hatte er auch starken Anteil am Ausbau und an der Organisation des österr. Eisenbahnwesens. Gem. mit Vogelsang, A. Prinz v. u. z. Liechtenstein (s. d.), Prälat Schindler u. a. wurde er Mitgl. der Freien Vereinigung kath. Sozialpolitik, die nach den Beschlüssen des Frankfurter Katholikentages 1882 begründet wurde. 1888 wurde R. im auswärtigen Dienst reaktiviert und Botschafter beim Hl. Stuhl. Zu den schwierigen Problemen während seiner Amtszeit gehörten u. a. die verschiedenen Bischofsernennungen, der Panslawismus, die Krise zwischen dem Vatikan und der italien. Regierung (auf deren Höhepunkt R. im Vatikan die Bereitschaft des K. unterbreitete, dem Papst ein mögliches Refugium in Österr. zu gewähren), die Balkanfrage und die Nachfolge Leo XIII. R., der das Vertrauen K. Franz Josephs (s. d.) genoß, übte auch eine Vermittlertätigkeit bei dessen familiären Schwierigkeiten (Selbstmord Kronprinz Rudolfs, 1889, Ermordung Kn. Elisabeths, s. d., 1898) aus. 1901 mußte er auf Drängen ung. Politiker von seinem Posten zurücktreten. R. war einer der besten Kenner der ineinandergreifenden Interessenssphären von Staat und Kirche in der spätjosefin. Zeit. Daneben war er Experte für die Grenzbereiche der röm.-kath., unierten und orthodoxen Kirchen, auch für Rußland und den Balkan. Obwohl für soziale Fragen aufgeschlossen, war er kein Sympathisant der Christlichsozialen, deren antisemit. Tendenzen er ablehnte. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. Geh.Rat (1868), Kanzler des Leopold-Ordens und Großkreuz des St. Stephan-Ordens. R.s Sohn, Nikolaus (1866–1951), folgte 1919 K. Karl (s. d) ins Exil.

W.: Erinnerungen eines Diplomaten in St. Petersburg 1860–63, in: Dt. Revue 28, 1903, Bd. 1–2; Rechberg und Bismarck 1863–64, ebenda, 28, 1903, Bd. 4; Erinnerungen eines Diplomaten in St. Petersburg 1864–68, ebenda, 29, 1904, Bd. 2; etc.
L.: Wr. Ztg. vom 28. (Abendausg), N. Fr. Pr. und Salzburger Ztg. vom 29. 4. 1904; A. Markus, Augenzeugenberr. aus der 1848er Zeit, in: Mitt. des Oberösterr. Landesarchivs 6, 1959, S. 305 ff.; Hahn, 1891; Wurzbach; Jb. des K. u. K. Auswärtigen Dienstes 6, 1902; Th. v. Sickel, Röm. Erinnerungen, hrsg. von L. Santifaller ( = Veröff. des Inst. für österr. Geschichtsforschung 3), 1947, s. Reg.; E. Winter, Russland und die slaw. Völker in der Diplomatie des Vatikans 1878–1903, 1950, s. Reg.; A. Hudal, Die Österr. Vatikanbotschaft 1806–1918, (1952), S. 236 ff.; F.Kern, Oberösterr. Bauern- und Kleinhäuslerbund 1, (1953), S. 205, 553 f.; F. Engel-Janosi, Österr. und der Vatikan 1846–1918, 1–2, 1958–60, s. Reg.; Oberösterreicher. Lebensbilder zur Geschichte OÖ 3, hrsg. von A. Zauner und H. Slapnicka, 1984; Mitt. R. Agstner, Tripolis, Libyen.
(H. Slapnicka)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 42, 1985), S. 100f.
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