Richter, Johann Anton (1782-1846), Großindustrieller und Chemiker

Richter Johann Anton, Großindustrieller und Chemiker. * Böhm. Leipa (Česká Lípa, Böhmen), 4. 11. 1782; † Königsaal (Zbraslaw, Böhmen), 13. 12. 1846. Sohn eines Schönfärbers, Kattundruckers und Betriebsleiters bei der Fa. J. Leitenberger in Wernstadt (Verneřice), Schwager des Industriellen F. Leitenberger (s. d.); erhielt die kaufmänn. Ausbildung bei der Prager Großhandlung A. Brosche. Nach 1803 gründete er in Prag einen Großhandel mit Baumwoll- und Kolonialwaren. Er schloß Freundschaften u. a. mit dem Botaniker und Entomologen Mikan (s. d.), mit dem er erfolgreich versuchte, aus Ahorn und Rüben Zucker zu gewinnen. 1812 erwarb R. in Königsaal die Gebäude des ehemaligen Zisterzienserklosters und erhielt ein Landesprivileg auf Verarbeitung von aus Rüben hergestelltem Rohzucker. Durch die Aufhebung der Kontinentalsperre verlor er fast sein ganzes Vermögen. Er errichtete in Königsaal eine Baumwollspinnerei und Weberei, mußte diese jedoch nach der Fertigstellung wieder verkaufen. 1817 hatte R. in Wien eine Kattundruckerei, ab 1819 begann er wieder, in Königsaal Zucker herzustellen (12 Sorten Zucker sowie Sirup wurden in drei Küchen erzeugt); 1823 trat als Gesellschafter der Prager Kaufmann Kolb ein. 1828 wurden eine Dampfmaschine mit 14PS Leistung sowie engl. Howard-Raffinerieapparate aufgestellt. 1834 wurden 12 000 Zentner raffinierter Zucker, ein Viertel des Verbrauchs im Land Böhmen, erzeugt. 1834 begann R., Zucker aus Rüben mit modernsten Maschinen zu raffinieren, 1838 war sein Unternehmen bereits eine zentrale Raffinerie für die meisten böhm. Zuckerrübenfabriken. 1823 begann er mit der Erzeugung chem. Produkte. Aus Přibramer Bleierz gewann er als einziger Fabrikant in Böhmen nach ihm privilegierten Methoden Bleiweiß, Bleizucker sowie Bleischrot und verdrängte die Einfuhr engl. Patentschrote. Die Bleizuckerfabrik war die erste in der Monarchie, die Bleizucker unter Verwendung von Holzessig erzeugte. In Rožmital (Rožmitál pod Třemšínem) errichtete R. eine Holzessigerzeugung mit neuartigen Holzverkohlungsöfen. 1824 trennte er die Zuckerraffinerie von der chem. Fabrik und erzeugte Salz-, Schwefel- und Salpetersäure, essigsaures Natron, künstlichen Gips, kristallisierte Soda, Kreosot und Salizin. Eine Seifensiederei, nach Marseiller Art eingerichtet, war eines der ersten derartigen Unternehmen in der Monarchie. 1846 wurden die Betriebe unter der Fa. A. R.s Erben von R.s Sohn Anton M. (1810–80) und seinem Schwiegersohn K. Bachofen v. Echt weitergeführt. R., bahnbrechend vor allem in der Zuckererzeugung, erwarb sich Verdienste um die Entwicklung der Ind. in Böhmen.

L.: P. A. Labsky, A. R. Ein Charakter aus dem Ind.Leben Böhmens, in: Libussa. Jb. für 1851, o.J., S. 351 ff.; W. Bayer, A. R. aus Leipa, in: Mitth. des Nordböhm. Excursions-Clubs 9, 1886, S. 148 f.; G. Otruba, Anfänge und Verbreitung der böhm. Manufakturen bis zum Beginn des 19. Jh. (1820), in: Bohemia. Jb. des Collegium Carolinum (München) 6, 1965, S. 267, 324 f.; G. Otruba – R. Kropf, Bergbau und Ind. Böhmens in der Epoche der Frühindustrialisierung (1820–48), ebenda, 12, 1971, s. Reg.; Kosch, Kath. Deutschland; Wurzbach: J. V. Diviš, Beitrr. zur Geschichte der Zuckerind. in Böhmen, 1891, S. 53 ff.; K. C. Neumann, Nástin Dějin Průmyslu Cukrovarnického v čechach. Období první 1787–1830, 1891, S. 9, 80 f.; F.Strohmer, Die techn. Entwicklung der Zuckerind. in Österr., in: Weltausst. Paris 1900, Kat. der österr. Abt. 6, 1900, S. 7 f.; F. Hantschel, Heimatkde. des Bez. Böhm.-Leipa, (1911), S. 292 f.; ders., Biographien dt. Industrieller aus Böhmen, 1920, S. 58 f.; R. Frh. v. Procházka, Meine 32 Ahnen und ihre Sippenkreise, 1928, S. 667 f.; J. Baxa, Die Zuckererzeugung 1600–1850, 1937, s. Reg.
(E. Marschner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 42, 1985), S. 127f.
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