Riedel, Josef (1816-1894), Großindustrieller

Riedel Josef, Großindustrieller. * Haindorf (Hejnice, Böhmen), 19. 12. 1816; † Polaun (Polubný, Böhmen), 24. 4. 1894. Entstammte einer alten Glasmacher- und Glashändlerfamilie, Sohn des Glasmalers und Glashändlers Josef R. (1788– 1845), Vater des Großindustriellen und Erfinders Josef A. R. (s. d.), Cousin und Schwager des Malers Wilhelm R. (s. d.); trat 1830 in die Kaufmannslehre als Hüttenschreiber bei seinem Onkel und späteren Schwiegervater Franz X. R. (1786–1844), Glashüttenmeister und Glashüttenbesitzer in Antoniwald (Antonínov), wurde dann Verwalter von dessen Glashütte in Wilhelmshöhe (Jizerka). Nach dem Tod ihres Vaters erbte R.s Frau die Glashütte in Wilhelmshöhe, R. pachtete die Antoniwalder Hütte. Als die Erzeugung von Hohlglas zurückging, verlegte sich R. auf die Herstellung von Lusterbehang und Glasstöpseln im Druckverfahren mit Metallformen, dann von Glasstangen und Hohlglasstengel für die Erzeugung von Glasperlen und Glasschmuck. Der Bedarf an farbigem Stangenglas regte R. auch zur Herstellung farbiger Hohlgläser an (die Farbtöne hießen jahrzehntelang nach seiner Frau „Annagelb“ und „Annagrün“), erstmals unter Verwendung von Uranoxyd-Natron aus St. Joachimstal (Jáchymov). 1849 kaufte er die Glashütte in Polaun, die nach dem Bau der Riesengebirgsstraße (1850) eine verkehrsgünstige Lage erhielt, sodaß R. 1858 den Firmensitz dorthin verlegte und die Antoniwalder Hütte aufgab. 1861/62 erbaute er in Wurzelsdorf (Kořenov) eine Baumwollspinnerei, die er bald erweiterte. 1866 vergrößerte er den Betrieb in Wilhelmshöhe, 1867 erbaute er eine weitere Glashütte in Wurzelsdorf zur Herstellung von Stangenglas, ausgestattet mit der von Siemens erfundenen Regenerations-Gasfeuerung, auf die er auch andere Hütten umstellte. Die Feinspinnerei zählte 1895 38 200 Spindeln, dazu kam eine Abfallspinnerei mit 1 300 Spindeln. Dieses Werk allein zählte 500 Betriebsangehörige und stand ab etwa 1880 unter der Leitung seines Sohnes Otto K. R. (1854–1901). 1870 erwarb R. die Aktien-Flachsspinnerei in Maxdorf (Maxov) mit 6 000 Spindeln, umgewandelt 1878 in eine Hanfspinnerei und Seilerwarenfabrik. Die Leitung übernahm 1873 sein Sohn Wilhelm J. R. (1849– 1929). Ebenfalls 1870 kaufte R. das Kurbad Wurzelsdorf (Heilquelle mit Moor) und erweiterte dieses 1872. 1878 erbaute er auf dem Gelände der Unter Maxdorfer Werke die modernste seiner Glasfabriken mit Flakon-Schleiferei, ausgestattet mit Kohlen-Regenerativ-Feuerung, 1880–86 in Stefansruh (Příchovice) zwei Glashütten für Stangen- und Perlglas. 1879 kaufte er in Neudorf (Nova Ves nad Nisou) eine Glashütte zur Erzeugung von Stangen- und Perlglas, 1883–86 besaß er die Glashütte in Hundorf (Hudcov), Bez. Teplitz, zu der eine Braunkohlengrube gehörte, 1883 errichtete er in Polaun eine Glasraffinerie und Bronzewarenfabrik, in Harrachsdorf (Harrachov) kaufte er einen älteren Glasveredelungsbetrieb und begann Rohglas zu veredeln und gebrauchsfertig in den Handel zu bringen. Die Erzeugung belief sich 1890 auf mehr als 1500 t Stangenglas und 500 t Druckglas. 1894 hatten die Werke zusammen etwa 1300 Beschäftigte. Die Erzeugnisse der Bronzewarenfabrik, Glasraffinerie und Glasperlenfabrik wurden nach Frankreich, Italien, Deutschland, Asien, Afrika und Amerika exportiert. R., der „Glaskönig des Isergebirges“, war einer der bedeutendsten Unternehmer Österr.-Ungarns. Weitblickende Vorsorge verhinderte eine Zersplitterung seines gewaltigen Lebenswerkes – er hinterließ fünf Glashütten und drei Raffinerien – unter den Nachkommen. Die sozialen Bauten und Einrichtungen sowie Legate von 150 000 fl kamen seinen Beschäftigten zugute. Die Fa. J. R., Sitz Polaun, wurde fortgeführt von den Söhnen Wilhelm J., Otto K. und Josef A. R. als Gesellschafter. Nach dem 1916 erfolgten Ausscheiden Wilhelm J. R.s blieb Josef A. Alleininhaber.

L.: Wr. Ztg. vom 25. 4. 1894 (Abendausg.); R. Lahmer, Glasgeschichtliches und Böhmens Glashütten, in: Mitth. des Nordböhm. Excursions-Clubs 13, 1890, S. 187 f.; Mitt. des Ver. für Heimatkde. des Jeschken-Isergaues 21, 1927, S. 148; Zehn Generationen und ein faszinierender Werkstoff. 225 Jahre R. Glas, in: Die Schaulade 4, 1981, S. 3; Großind. Österr. 2, S. 185 ff., 4, S. 231; Otto, Erg.Bd. V/1; A. Lilie, Der polit. Bez. Gablonz, 2. Aufl. 1895, S. 175 ff.; A. Ressel, Geschichte des Friedländer Bez., 1900, S. 273; F. Hantschel, Biographien dt. Industrieller aus Böhmen, 1920, S. 62; K. Zenkner, Die alten Glashütten des Isergebirges, 1968, S. 123 ff.; G. Stütz, Geschichte der Textilind. im Bez. und Landkr. Gablonz a. d. Neiße. 1977, S. 63 f., 84 f.; G. Stütz – K. Zenkner, Gablonz a. d. Neiße, 1982, S. 526 f., 531 f., 546, 642. – Otto K. R.: Jb. des Dt. Gebirgsver. für das Jeschken- und Isergebirge 12, 1902, S. 97 f. – Wilhelm J. R.: Reichenberger Ztg. vom 15. 11. 1929; Otto, Erg.Bd. V/1.
(E. Marschner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 42, 1985), S. 136f.
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