Riehl, Alois Adolf (1844-1924), Philosoph

Riehl Alois Adolf, Philosoph. * Bozen (Südtirol), 27. 4. 1844; † Potsdam-Neubabelsberg (DDR), 21. 11. 1924. Sohn eines Hoteliers, Bruder des Bauunternehmers Josef R. (s. d.); stud. Phil. an den Univ. Wien (1862/63), München (1863/64), Graz (1865/66) und Innsbruck (1863/64, 1868 Dr. phil.). War zunächst als Gymnasialprof. tätig. 1870 Priv.Doz. für Phil. an der Univ. Graz, 1873 ao. Prof., 1878 o. Prof. Über Freiburg i. Br. (1882), Kiel (1896) und Halle (1898) kam er 1905 schließlich als Nachfolger Diltheys nach Berlin, wo er bis zu seiner Emer. (1922) wirkte. R.s erstes Buch, „Realistische Grundzüge“, 1870, läßt deutlich die Herkunft des Verfassers aus dem Herbartianismus erkennen. Die polem. Schrift „Moral und Dogma“, 1871, zeigt bereits R.s krit. Einstellung gegenüber der kath. Kirche. Unter dem Einfluß Kants und in engem Kontakt mit der modernen Naturwiss. und Mathematik suchte R., insbes. in seinem Hauptwerk, „Der philosophische Kriticismus . . . “, nach einer Position, in der Kants transzendentalphilosoph. Ansatz in realist. Sinn weiterentwikkelt werden kann. Die Annahme einer denkunabhängigen Wirklichkeit ist seiner Ansicht nach unvermeidlich, weil ohne sie dem Begriff der Erkenntnis keine Bedeutung gegeben werden könnte. Abweichend von Kant und in Übereinstimmung mit der Phil. Herbarts, hielt er innerhalb gewisser Grenzen an der Erkennbarkeit der Wirklichkeit selbst fest. Die Existenz anderer Subjekte ist seiner Ansicht nach nicht nur durch das Vorhandensein altruist. Gefühle verbürgt, sondern läßt sich, ausgehend von der Tatsache sozialer Beziehungen, beweisen. Obwohl die Phil. nach R. wesentlich Metaphysik der Erkenntnis ist, darf sie nicht als Metaphysik im spekulativen Sinn aufgefaßt werden, da auch metaphys. Sätze aufgrund ihrer Beziehung auf die Wiss., deren Möglichkeitsbedingungen sie betreffen, einer Art Überprüfung zugänglich sind. R.s Interessen waren jedoch nicht auf die Theorie der Erkenntnis beschränkt, sondern richteten sich auch auf die Naturwiss., namentlich auf den damals noch umstrittenen Evolutionismus, ferner auf die Ästhetik, die Geschichte der Naturwiss., aber auch auf die Dichtung. Sein realist. Kritizismus stellt eine selbständige Variante der krit. Phil. in der Nachfolge Kants im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. dar, die u. a. für das Denken Hönigwalds, Frischeisen-Köhlers und Sprangers von Bedeutung war. Bei seinen zahlreichen kleineren Arbeiten, die zum Tl. populären Charakter haben, handelt es sich teils um philosophie- und wissenschaftsgeschichtliche Publ., teils um systemat. Untersuchungen log. und erkenntnistheoret. Art sowie um Erörterungen des Charakters der Phil. im allg.

W.: Der philosoph. Kriticismus und seine Bedeutung für die positive Wiss., 2 Bde. (3 Tle.), 1876–87, 2.–3. Aufl., 3 Bde., Bd. 3, hrsg. von H. Heyse und E. Spranger, 1925–1980; Zur Einführung in die Phil. der Gegenwart. Acht Vorträge, 1903, 6. Aufl. 1921; Philosoph. Stud. aus vier Jahrzehnten, 1925; etc.
L.: N. Fr. Pr. vom 29. 3. 1902; Tagespost (Graz) vom 4. 5. 1924; E. Spranger, A. R. Zum 80. Geburtstag unseres berühmten Landsmannes, in: Der Schlern 5, 1924, S. 103 ff.; R. v. Klebelsberg, A. R. † am 21. 11. 1924, ebenda, 5, 1924, S. 384 f.; H. Rickert, A. R. . . ., in: Logos 13, 1925, S. 162 ff.; Eisler; Enc. Fil.; Kosch, Kath. Deutschland; Ziegenfuss; K. Siegel, A. R. Ein Beitr. zur Geschichte des Neukantianismus, 1932; L. Ramlow, A. R. und Spencer, 1933; M. Jung, Der neukantian. Realismus von A. R., phil. Diss. Bonn, 1973; P. Grillenzoni, A. R. UnContributo al Kantismo, 1985.
(W. Röd)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 42, 1985), S. 153f.
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